3.10 Die optimale Ernährung – nicht nur für Behinderte

Übergewicht raubt Lebenszeit! Und: Ob behindert oder nicht – wer mehr Kalorien zu sich nimmt als er verbraucht, der wird fett. Das ist die einfache Wahrheit hinter jeder Diät. Wer sich wenig bewegt, verbraucht auch weniger Kalorien. Rollstuhlfahrer müssen deshalb besonders aufpassen was und wie viel sie essen. Dickleibigkeit vergrößert nicht nur das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankung wie Herzinfarkt oder Schlaganfall. Schon leicht Übergewichtige sind im Alter wesentlich häufiger von Demenz betroffen (1). Schwere, bewegungslose Patienten sind zudem eine Zumutung für die Pflegekräfte. Für sie ist es enorm belastend, wenn sie übergewichtige Patienten im Bett hin- und herwälzen oder gar in den Rollstuhl setzen müssen.
    Andererseits isoliert das Unterhautfettgewebe den Körper und trägt dazu bei, dass man nicht so schnell auskühlt. Im Rollstuhl kann man sich ja nur eingeschränkt durch Bewegung wärmen. Auch kann das Fettgewebe als Druckpolster wirken und Dekubitus vorbeugen. Auf jeden Fall gesundheitsschädlich sind aber Fettansammlungen im Bauchraum. Es ist halt wie meistens im Leben: Die Extreme sollte man meiden.

Freilich kann man auch verstehen, wenn für Behinderte beim Essen der Genuss an erster Stelle steht, angesichts der Einschränkungen im täglichen Leben und angesichts des zu erwartenden früheren Tods.
    Aber Genuss und Gewichtskontrolle müssen sich nicht ausschließen. Im Gegenteil. Möglicherweise muss man sich aber von alten Gewohnheiten verabschieden. Zum Beispiel davon, dass Brot, Nudeln und Zucker zur täglichen Ernährung gehören. Mehr dazu weiter unten im Text.

Wenn ein durchschnittlicher, männlicher Nicht-Behinderter einen ganzen Tag bewegungslos im Bett verbringt, dann verbraucht er dabei etwa 15-1700 Kalorien (1 Kalorie = 4,18684 Joule). Frauen verbrauchen etwas weniger. Das ist der sogenannte Grundumsatz (basale Stoffwechselrate). Diese Energiemenge benötigt der Körper in 24 Stunden bei völliger Ruhe zur Aufrechterhaltung seiner Funktionen, wie Atmung, Herzschlag, Stoffwechsel und das Halten der Körpertemperatur. Mit zunehmendem Alter nimmt der Grundumsatz stark ab. Ein Viertel dieser Energie verbrauchen die Muskeln – auch wenn sie keine Arbeit leisten. Behinderte haben meist weniger Muskelmasse und haben einen entsprechend geringeren Grundumsatz.
    Jede körperliche Aktivität erhöht den
Energieumsatz. Die zusätzlich benötigte Energiemenge wird Leistungsumsatz genannt. Der tatsächliche Energieumsatz ist die Summe aus Grund- und Leistungsumsatz. Gesunde, durchschnittlich aktive, Männer mittleren Alters haben einen Energieumsatz, also einen täglichen Kalorienbedarf, von etwas weniger als 2500 Kalorien. Frauen benötigen etwa 2000 Kalorien. Die vollständige Tabelle findet man auf www.dge.de. Der gesamte Energieumsatz bei mobilisierten Patienten im Sitzen liegt dagegen nur etwa beim 1,3-fachen des Grundumsatzes. Man kann also grob schätzen, dass der tägliche Energiebedarf eines männlichen Rollstuhlfahrers mittleren Alters und mit geringer Muskelaktivität bei etwa 1500 Kalorien liegt. Ältere Menschen benötigen noch deutlich weniger. Zusätzlich aufgenommene Kalorien werden nicht verbraucht und führen zu einer Zunahme des Körperfetts. Vorsicht: Zu wenig Energie, bzw. zu wenige Nährstoffe, führen möglicherweise nicht nur zum Abbau von Fett, sondern auch zum Abbau von Muskelmasse sowie zu einem Nachlassen der geistigen Leistungsfähigkeit. Man sollte also ungefähr so viele Kalorien zu sich nehmen, wie der Körper verbraucht. Es sei denn, man will sein Übergewicht reduzieren.
    Die tatsächlichen Werte können im Einzelfall stark variieren. (Querschnitt-) Gelähmte, die ihren Rollstuhl von Hand bewegen, benötigen natürlich entsprechend mehr Energie. Auch Spastik ist Muskelarbeit und kann den Leistungsumsatz erhöhen. Eventuell sollte man seinen individuellen Energiebedarf beim Arzt ermitteln lassen. Auch im Internet findet man Rechner zur Ermittlung des ungefähren, individuellen Werts.

Wie kann man sich genussvoll ernähren und dabei nicht mehr als 1500 Kalorien zu sich nehmen?
    Abgesehen vom Kalorienzählen muss man vor allem darauf achten, was man isst. Denn es kommt nicht nur auf die enthaltenen Kalorien an, sondern vor allem auch auf die Zusammensetzung der täglichen Nahrung. Zwei neuere Ernährungsformen zeigen die Richtung an: die
Steinzeiternährung (Paläo Diät)(2) und insbesondere die Ernährungsform der Kohlenhydratminimierung (Low-Carb)(3).

Das Konzept der Steinzeiternährung entstand aus der Erkenntnis, dass sich der menschliche Körper in den Millionen Jahren seiner Entwicklungsgeschichte an die verfügbare Nahrung angepasst hat. Das sind die Nahrungsmittel unserer steinzeitlichen Jäger-und-Sammler-Vorfahren: Fleisch, Fisch, Meeresfrüchte, Gemüse, Obst und Nüsse. Anhänger der Steinzeiternährung beschränken sich auf diese Nahrungsmittel. Denn der Mensch betreibt erst seit rund 12.000 Jahren Landwirtschaft mit Getreideanbau und Nutztierhaltung. Wenn die 200.000 Jahre Entwicklungsgeschichte des modernen Menschen (Homo sapiens) eine Stunde wäre, dann würden wir erst seit vier Minuten Landwirtschaft betreiben. Im waldreichen Mitteleuropa sogar erst seit zwei Minuten. Evolutionsbiologisch betrachtet, ist das ein sehr kurzer Zeitraum. Angeblich viel zu kurz, um sich genetisch an bestimmte landwirtschaftliche Erzeugnisse zu gewöhnen, argumentieren die Befürworter. Skelett-Untersuchungen beweisen: Jäger und Sammler (Wildbeuter) waren besser ernährt als die späteren Bauern. Getreideanbau führte offensichtlich zu einseitiger Mangelernährung (4). Getreide- und Milchprodukte werden demnach nicht so gut vertragen. Und tatsächlich sind Menschen, die sich gemäß der Paläo-Diät ernähren im Durchschnitt gesünder, schlanker und leistungsfähiger. Kein Wunder, dass die Paläo-Diät immer mehr Anhänger findet und es inzwischen unzählige Paläo-Kochbücher gibt. Sogar Paläo-Restaurants haben schon eröffnet. So wie es aussieht, ist die Paläo-Diät wesentlich gesünder als eine rein vegane Ernährung, die ja der alternative Ernährungstrend ist. Mehr zur veganen Ernährung am Ende dieses Kapitels. Andererseits kann man sich nur darüber wundern, wie sklavisch manche Leute die Vorgaben solcher Ernährungsregeln befolgen. Sie werden geradezu zu Ernährungsextremisten, bei denen der Glaube eine größere Rolle spielt, als Fakten.
    Info über die Paläo-Diät: www.wikipedia.org (Suchwort: Steinzeiternährung) und auf www.urgeschmack.de. Rezepte findet man auf www.chefkoch.de (Suchwort: paleo).
    Interessant ist auch die ZDF-Sendung »Steinzeit-Dinner: Essen wie die Vorfahren«. (Abrufbar in der ZDF-Mediathek). Dieser Film dürfte der Steinzeit-Ernährung ettliche neue Anhänger gebracht haben.

26Ein anderer interessanter Ernährungstrend unserer Zeit ist die Kohlenhydratminimierung. Sie wird auch als Low-Carb-Ernährung bezeichnet (von Englisch carb, Abkürzung für carbohydrates = Kohlenhydrate). Sie entstand aus der Erkenntnis, dass es gerade kohlenhydratreiche Nahrungsmittel sind, die dick machen und den Körper belasten, wenn sie in zu großer Menge gegessen werden.
    Kohlenhydrate gehören neben Eiweiß (Protein) und Fett zu den sogenannten Makro-Nährstoffen. Man kann Kohlenhydrate als eine Art Muskeltreibstoff bezeichnen. Sie bestehen aus Zuckermolekülen, die über das Blut in sämtliche Körper-Zellen gelangen. Vom Körper aufgenommene Kohlenhydrate werden entweder in Energie (also in Kraft) oder aber in Körperfett verwandelt. Vereinfacht gesagt: Kohlenhydrate werden im Körper in die Zuckerart Glucose umgewandelt. Glucose im Blut erhöht den Insulinspiegel und Insulin macht dick. Kohlenhydrate im Blut stoppen die Fettverbrennung. Das ist auch ein Risikofaktor für Zivilisationskrankheiten wie Bluthochdruck.
    Bei der Low-Carb-Ernährung wird also der Anteil der Kohlenhydrate an der täglichen Nahrung drastisch reduziert. Der Körper stellt den Stoffwechsel dann auf Fettverwertung um. Man soll demnach weitgehend auf Getreideprodukte verzichten: Brot, Nudeln, Reis, Mais, Müsli, usw. Vor allem das Konsumgift Zucker soll vollständig vermieden werden(5). Aber auch Kartoffeln und Bananen enthalten viel Stärke. Obst enthält viel Zucker. Die täglichen Mahlzeiten bestehen also hauptsächlich aus Gemüse, laktosearmen Milchprodukten (z.B. Hartkäse), Salat, Fisch und Fleisch. Fette und Proteine ersetzen dabei die wegfallenden Kohlenhydrate. Wichtig ist aber, dass man sich stets richtig satt isst. Sonst drohen die bekannten Heißhunger-Attacken. Gesüßt wird mit Süßstoffen wie Aspartam und der Stevia-Pflanze. Anstelle von Süßigkeiten kann man die nahrhaften Nüsse knabbern. Kleine Mengen Bitterschokolade sind aber wohl kein Problem.
    Wenn körpereigene Fette abgebaut werden, entstehen in der Leber die sogenannten Ketone. Diese führen zu einem typischen Mundgeruch. Der entsteht bei jeder Art von Diät, bei der Fett im Körper abgebaut wird.
    Das Vermeiden von Teigwaren und Zucker ist eine langfristige Ernährungsform, die man nach heutigem Wissen sein Leben lang beibehalten kann. Wenn man sein Idealgewicht erreicht hat, kann man gerade so viele Kohlenhydrate essen, dass man weder zu- noch abnimmt (Erhaltungsdiät). Als eher kurzfristige Diät-Kur ist die Kohlenhydratminimierung seit vielen Jahren bekannt unter dem Begriff »Atkins-Diät«.
    Info: www.wikipedia.org (Suchwort: Low-Carb) und www.lowcarbdiaet.net

Interessant ist die gemeinsame Erkenntnis bei beiden Ernährungsformen, dass Getreideprodukte dem Körper offensichtlich nicht richtig guttun. Anders als bei der Steinzeiternährung sind bei der Low-Carb-Ernährung aber Milchprodukte Bestandteil des Ernährungsplans. Das ist der praktische Unterschied zwischen den beiden Ernährungsformen.
    Zu Milchprodukten lässt sich folgendes sagen: Milch enthält das Kohlenhydrat Milchzucker (Laktose). Aber nur etwa 5 % (6).  Die muss man im Rahmen einer Low-Carb-Ernährung wirklich nicht einsparen (wenn man nicht literweise Milch trinkt). Zum Erhalt von Muskeln und Knochen sollten Rollstuhlfahrer auf Protein und Calcium aus Milchprodukten nicht verzichten. Es sei denn, man verträgt Laktose nicht, wie das bei einem Großteil der außereuropäischen Weltbevölkerung der Fall ist. Es gibt allerdings Hinweise darauf, dass MS-Patienten auf Milch verzichten sollten (7). Ein Milchprodukt mit wenig Milchzucker ist Käse. Ein länger gereifter Hartkäse enthält praktisch keine Laktose mehr. Käse kann und sollte also Bestandteil des Ernährungsplans eines Rollstuhlfahrers sein.

Fazit: Das Reduzieren des Kohlenhydrat-Anteils an der Nahrung scheint für Behinderte der richtige Weg zur Gewichtskontrolle zu sein. Fleisch, Gemüse, Salat, Obst, Käse, Quark usw. sind eine wohlschmeckende Alternative zu Brot, Nudeln und Kartoffeln. Schon nach kurzer Umgewöhnungszeit vermisst man diese Beilagen kaum noch. Auch Zucker und Alkohol sind weitgehend zu vermeiden. Besonders Wein und Bier haben einen hohen Kohlenhydratgehalt. Über viele Jahre hatte man fälschlicherweise das Fett als hauptsächlichen Dickmacher verteufelt. Bis heute wird in veralteten Ernährungsratgebern empfohlen, das Fett zu reduzieren – und nicht die Getreideprodukte und Zucker. Dies wird von der Zucker-Industrie kraftvoll gefördert. Natürlich hat Fett viele Kalorien und sollte entsprechend maßvoll genossen werden, gemäß dem persönlichen Energiebedarf. Kohlenhydrate sind auch am Stoffwechsel von Proteinen und Fetten beteiligt. Wenn sie fehlen, werden Proteine und Fette nur unvollständig vom Körper verwertet. Folglich machen die vielen Kalorien in Fett weniger dick, wenn man keine Kohlenhydrate isst. Man muss sich jedoch hüten vor Mangelernährung, Unterzuckerung und Vitaminmangel. Deshalb noch einmal der Hinweis: Extreme meiden und vor allem genügend Gemüse essen!
    Ein weiteres Thema: Arterienverkalkung (Arteriosklerose) wird begünstigt durch das sogenannte LDL-Cholesterin. Der Cholesterin-Gehalt im Blut kann angeblich drastisch gesenkt werden, wenn man auf Mehl und Zucker verzichtet. Dieser Effekt wird verstärkt, wenn man Omega-3-Kapseln (Fischöl) zu sich nimmt. Auf cholesterinsenkende Tabletten kann man dann in vielen Fällen verzichten. Cholesterinsenker (Statine) gehören zu den am häufigsten verordneten Medikamenten. Sie stehen unter anderem im Verdacht, die Gedächtnisleistung zu schädigen. Dagegen hat die kohlenhydratarme Ernährungsweise insgesamt einen sehr positiven Einfluss auf die Gedächtnisfunktionen.
—Weiterer Effekt: Der Verzicht auf Mehl und Zucker hat einen positiven Einfluss auf die Darm- und Mundflora sowie auf die Zahngesundheit. Außerdem ist der Verzicht auf Mehl und Zucker eine wichtige Maßnahme zur Vorbeugung und Behandlung von Krebs (8).

Die kohlenhydratarme Ernährungsweise scheint also bei vielen Menschen positive Auswirkungen auf Gesundheit und Wohlbefinden zu haben. Vor allem das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen kann dadurch angeblich sinken (9). Je dicker man ist, je mehr man abnehmen möchte, umso konsequenter sollte man Teigwaren und Zucker vermeiden. Wichtig ist, dass man dabei genügend Obst und vor allem Gemüse isst. Sonst besteht die Gefahr von Unterzuckerungen. Auch sollte man sich stets richtig sattessen. Wer an bestimmten Krankheiten leidet, der sollte sich vor Beginn der Diät mit seinem Arzt besprechen.
    Für den Aufbau und Erhalt von Muskeln benötigt der Körper viel Eiweiß (Protein). Allenfalls schlanke Sportler und körperlich schwer Arbeitende können mit ihren Höchstleistungen eine gewisse Menge Kohlenhydrate bzw. Zucker (Glucose), als Muskeltreibstoff direkt verbrennen. Deshalb essen Marathonläufer gerne die kohlenhydratreichen Bananen. Die früher schwer arbeitenden Bauern verdienten sich deshalb das sprichwörtliche Bauernfrühstück. Das Problem: Wir sind längst keine Bauern mehr. Aber wir ernähren uns, als ob wir täglich zehn Stunden Feldarbeit leisten müssten. Wir stopfen Unmengen von Kohlenhydraten in uns hinein. Ernährungsgewohnheiten werden meistens in der Kindheit durch die Eltern geprägt. Es ist nicht immer einfach, sich davon zu befreien. Voraussetzungen sind Wissen, Problembewusstsein und Disziplin.
   
Das Ernährungsverhalten wird auch beeinflusst durch die soziale Stellung. Angeblich essen Menschen ohne Schulabschluss wesentlich weniger Gemüse als Menschen mit Abitur (10). Dafür viel mehr Fleisch. Und zwar hauptsächlich Billigfleisch vom Discounter. Außerdem greifen Angehörige der sozialen Unterschicht offenbar besonders gerne zu Fast Food, industriell verarbeiteten Fertigprodukten und Süßigkeiten. Das hat wohl nicht nur mit dem geringeren Einkommen zu tun. Ein Bewusstsein für den Wert naturbelassener, regional erzeugter Lebensmittel hat sich bei diesen Menschen nur selten richtig entwickelt. Folglich trifft man den typischen RTL-Zuschauer eher bei Aldi an als auf dem örtlichen Wochenmarkt. Diese Menschen tun sich wahrscheinlich besonders schwer, wenn eine Krankheit, bzw. Behinderung eine Ernährungsumstellung erfordert.
    Wer sich über einige Zeit kohlenhydratarm ernährt hat, der kann sich freilich gelegentliche Ausnahmen gönnen. Wenn man sich ganz bewusst einen Frühstücks-Semmel (Vollkorn) oder einen zuckerarmen Sonntags-Kuchen gönnt, ist das wohl kein Problem. So ist es auch mit einem gelegentlichen Glas Wein oder Bier. Man muss nur aufpassen, dass man nicht schleichend mehr und mehr »Ausnahmen« macht. Im Durchschnitt sollte sich der Anteil der Kohlenhydrate in der Nahrung drastisch senken. Wer sich eine Zeitlang ohne Teigwaren und Zucker ernährt, verspürt danach keinerlei Gelüste mehr.
    Das Gehirn benötigt Glucose als Treibstoff. Es benötigt hierfür jedoch keine Kohlenhydrate. Und schon gar nicht Mehl oder Zucker. Denn der für das Gehirn nötige Zucker wird in der Leber aus Eiweiß hergestellt (Glukoneogenese). Eine tägliche Portion frisches oder tiefgefrorenes Obst liefert auf jeden Fall mehr als genug Zucker als Hirnnahrung. Gemischt mit ungezuckertem Quark ist Obst das perfekte Frühstück für Rollstuhlfahrer. Aber natürlich ohne Haferflocken und ähnliche Getreideprodukte. Ein Frühstück ohne Brot, Müsli und Zucker ist reine Gewöhnungssache. Man kann zum Kaffee auch Eier, ein Stück Käse und eine Tomate und/oder etwas Obst essen. Das schmeckt gut und macht satt.
    Dass man die wegfallenden Kohlenhydrate durch viel Eiweiß ersetzen soll, heißt aber nicht, dass man täglich Fleisch essen sollte. Jedes Extrem ist schlecht. Wichtige Eiweißquellen sind auch Fisch, Käse, Tofu und Hülsenfrüchte, wie die wohlschmeckende Kichererbse. Die gibt es küchenfertig getrocknet oder in der Dose. Man sollte auf industriell verarbeitete Lebensmittel generell verzichten. Bei Fleisch sollte man Geflügel bevorzugen. Aber natürlich kein belastetes Billig-Fleisch aus industrieller Massentierhaltung. In jeder Hinsicht besser als Fleisch vom Discounter ist Bio-Fleisch aus regionaler Erzeugung. Auch, wenn es etwas teurer ist. Auch Wild ist sehr gut. Beim Fisch liefert z.B. Hering viele wertvolle Omega-3-Fettsäuren. Als Beilage zu Fleisch oder Fisch eignen sich sehr gut die vielfältigen, fertig gewürzten Gemüsepfannen von Frosta. Die enthalten phantastisch viele Zutaten. Erhältlich tiefgekühlt in den meisten Supermärkten oder direkt bei Frosta: www.frostashop.de. Das schmeckt gut und erspart mühsames Gemüse-Schnippeln. Wenn man z.B. eine Dose Kichererbsen in eine Gemüsepfanne mischt, erhält man ohne Aufwand eine vollwertige, wohlschmeckende Mahlzeit. Wer braucht da noch Nudeln!? Obwohl: Inzwischen gibt es auch Low-Carb-Nudeln aus Kichererbsenmehl. Die schmecken erstaunlich gut. Lieferung direkt vom Hersteller: www.my-nudel.de
    Ein wenig Kreativität sorgt für ganz neue Geschmackserlebnisse. Wenn man ein neues Ernährungsbewusstsein entwickelt, dann wird das möglicherweise mit mehr Lebenszeit belohnt. Und mit Genuss pur!

Zur weiteren Erhöhung der Protein-Zufuhr, bei gleichzeitiger Kohlenhydratminimierung, sollten Rollstuhlfahrer Eiweiß-Pulver zu sich nehmen. Dies dient auch dem Muskelaufbau wie in Kapitel 3.9 beschrieben. Außerdem soll es vorbeugend gegen Dekubitus helfen. Man kann z.B. jeden Tag ein paar Löffel Eiweiß-Pulver in den Frühstücks-Früchte-Quark oder in Joghurt mischen. Ein geschmacksneutrales Eiweiß-Pulver guter Qualität ist »Dr.Ritter Bio-Eiweiß-Konzentrat 85«. Info auf www.dr-ritter.de

Ergänzend sollte (oder muss) man sich umfassend mit Vitaminen und Mineralien versorgen. Besonders wichtig: Vitamine C, D, E, B. Sowie die Aminosäure Arginin und das Mineral Magnesium. Auch Kalium und Folsäure sind wichtig. Man sollte sich nicht von schlecht informierten Ärzten beirren lassen, die meinen, mit einer ausgewogenen Ernährung, mit viel Obst und Gemüse sei der Körper ausreichend versorgt. Etliche Ärzte bilden sich kaum fort und lesen keine Fachzeitschriften. Und die Pharma-Industrie publiziert vorrangig die Themen, mit denen sich Geld verdienen lässt. Allerdings ist es natürlich richtig, dass man mit Nahrungsergänzungsmitteln keine einseitige Mangelernährung ausgleichen kann. Die wichtigsten Vitalstoffe sind in Kapitel 3.13 übersichtlich aufgelistet.

Das vorhergehend Gesagte lässt sich mit vier Worten zusammenfassen: Mehl und Zucker vermeiden! In Kombination mit möglichst viel Bewegung und der Einnahme von ergänzenden Vitalstoffen ist das möglicherweise die wichtigste lebensverlängernde Maßnahme für Behinderte und Nicht-Behinderte. Aber es ist auch so, dass jedes Extrem schlecht ist. Jeder muss seinen ganz persönlichen Mittelweg finden.

Ergänzende und vertiefende Informationen zur Low-Carb-Ernährung findet man in den Büchern von Dr. Ulrich Strunz. Vor allem in »Das Geheimnis der Gesundheit« und »Warum macht die Nudel dumm?«. Siehe auch: www.strunz.com

Die zuvor beschriebene und empfohlene Low-Carb-Ernährung unterscheidet sich stark von der Ernährungsform des Veganismus. Heute ist es schick und trendy, sich vegan zu ernähren. Veganer essen und verwenden keine Produkte tierischer Herkunft. Dafür werden unterschiedliche Gründe und Motive angeführt. Auf der anderen Seite essen die meisten Veganer industriell verarbeitete Lebensmittel, die auch Mehl und Zucker enthalten. Sie essen häufig Fleisch imitierende Soja-Produkte, die chemische Aromastoffe enthalten und für deren Anbau Regenwald vernichtet wurde. Außerdem lieben viele Veganer die sehr schwer verdauliche Rohkost. Und bei alldem haben die Veganer das Gefühl, sie würden sich gesund und bewusst ernähren. Dieser Wohlfühleffekt hat wohl mehr mit Glauben als mit Wissen zu tun. Veganer bleiben auf Dauer nur gesund, wenn sie künstliche Nahrungsergänzungsmittel zu sich nehmen. Bedingt durch Vitamin-B12-Mangel sollen radikale Veganer sogar behinderte Kinder geboren haben. Vor allem Kinder und Jugendliche in der Wachstumsphase sollte man nicht derart mangelernähren. Vegan ernährte Kinder liegen hinsichtlich Gewicht und Körpergröße häufig unter der Norm. »Kinder vegan zu ernähren, ist absolut tabu.« (11)
    Wegen der geringeren Knochendichte haben Veganer häufiger Knochenbrüche als Allesesser (12). Manche Veganer sind richtige Glaubenskrieger. Da geht es weniger um Vernunft.
    Ja, es stimmt: Die industrielle Massentierhaltung ist ein furchtbarer Missstand. Weltweit verschlingt die Nutztierhaltung enorme Ressourcen, belastet die Umwelt und das Klima. Aber ist ein radikaler Verzicht auf tierische Produkte die angemessene Reaktion? Auf jeden Fall sollte man Billig-Produkte vom Discounter vermeiden. Wer dagegen Milchprodukte, Eier und Fleisch aus regionaler Bio-Erzeugung kauft, der leistet einen aktiven Beitrag zum Tierschutz – und tut etwas für seine Gesundheit. Man muss ja nicht gleich mehrmals pro Woche Fleisch essen.

Mit Vernunft und Augenmaß kann eine vielseitige Ernährung beitragen zu einem langen, beschwerdefreien Leben.

 

3.11 Was tun bei Verdauungsproblemen?

Manchen Behinderten raubt ein Alltagsproblem die Lebensqualität: die komplette oder teilweise Lähmung der Muskeln im Bereich des Darms (Muskeltätigkeit im Darm = Peristaltik). Das betrifft vor allem auch Querschnittgelähmte (13). Gesunde Menschen können den Zeitpunkt der Stuhlentleerung mit der Beckenbodenmuskulatur sowie mit dem inneren und äußeren analen Schließmuskel selbst bestimmen. Wenn das nicht mehr richtig funktioniert, wird das zum Problem. Manche Querschnittgelähmte spüren nicht einmal mehr den Druck, wenn sie aufs Klo müssen. Bei starken Spastiken kann die Muskelspannung derart hoch sein, dass eine Darmentleerung kaum möglich ist, weil die Schließmuskeln nicht locker lassen und dicht schließen. Die Folge ist häufig eine Verstopfung. Bei schlaffen Lähmungen, ohne Kontrolle über den Schließmuskel, kann der Stuhl dagegen unkontrolliert abgehen (Stuhlinkontinenz). Meistens ist auch die Blase von diesen Störungen betroffen. Die Probleme sind entsprechend.
    Je nachdem, ob Verstopfung oder Stuhlinkontinenz vorliegt, muss man natürlich eine angepasste Lösung finden. In schweren Fällen ist ein professionelles Darmmanagement erforderlich.
    Folgende Maßnahmen können Bestandteil dieser Problemlösung sein, vor allem bei Verstopfung:

27Wenn starke Spastik den Schließmuskel verkrampft, dann geht auf dem Klo in vielen Fällen gar nichts. Da helfen auch keine Abführmittel. Man muss zunächst für Entspannung sorgen, damit man locker lassen kann. Die möglichen Maßnahmen gegen übermäßige Spastik sind in Kapitel 3.8 zusammengefasst.
    Morgens nach dem Aufwachen ist die Spastik häufig am stärksten ausgeprägt. Deshalb ist für viele spastisch Gelähmte der frühe Morgen nicht die beste Zeit für den geplanten Stuhlgang. Möglicherweise geht es abends nach dem Essen besser, eventuell, nachdem man sich mit etwas Alkohol entspannt hat.
    Andererseits ist der Darm morgens besonders aktiv. Diese unwillkürlichen Bewegungen im Darm (Kolonmotilität) werden durch Essen und Trinken verstärkt (gastrokolischer Reflex). Deshalb müssen viele Menschen nach dem Frühstück aufs Klo. Dieser Reflex ist auch bei den meisten Behinderten noch vorhanden. Man kann den gastrokolischen Reflex auslösen, wenn man eine halbe Stunde vor dem Stuhlgang etwas isst. Das kann auch eine Tasse Kaffee sein. Denn koffeinhaltiger Kaffee regt die Darmtätigkeit gut an. Und nach dem Frühstück ist man eventuell so weit mobilisiert, dass die Spastik etwas nachgelassen hat. Wenn das so ist, ist das der beste Zeitpunkt fürs Abführen. Wenn man dagegen abends abführt, kann der Darm sehr träge sein. Der Stuhlgang lässt sich dann zwar auslösen, aber die fehlende Darmtätigkeit verhindert manchmal eine restlose Entleerung.
    Einen enormen Einfluss auf die Muskelspannung hat auch die Psyche. Man sollte sich vollkommen entspannen, bevor man aufs Klo geht. Eventuell mit Musik und/oder Meditation. Wenn man sich selber unter Druck setzt, weil man meint, dass es jetzt unbedingt gehen muss, dann klappt es garantiert nicht.

Der wichtige Vitalstoff Magnesium sorgt nicht nur für entspannte Muskeln. Je nach Empfindlichkeit und Dosierung kann Magnesium zu weichem Stuhl führen. Dieser Effekt kann den Stuhlgang erleichtern, wenn Verstopfung das Problem ist. Dazu kann man am Vorabend des geplanten Stuhlgangs eine »Überdosis« Magnesium einnehmen. Das ist vollkommen frei von Nebenwirkungen.

Auch bei Gesunden hat die Ernährung Einfluss auf die Beschaffenheit des Stuhls. Eine stärke- und zuckerreiche Ernährung kann Verstopfung fördern. Man sollte also auf Teigwaren weitgehend verzichten, zu Gunsten von viel Obst und Gemüse. Damit hilft auch der Verdauung, was dem ganzen Körper guttut: eine Ernährung ohne Mehl und Zucker. Siehe vorhergehendes Kapitel 3.10. Allerdings kann viel Eiweiß die Verstopfung fördern. In dem Fall sollte man den Gemüseanteil erhöhen. Vor allem Rohkost kann die Verdauung fördern. Wenn man viel trinkt, kann das die Darmentleerung zusätzlich erleichtern. Fehlende Flüssigkeit ist übrigens auch ein Auslöser für Kopfschmerzen und Konzentrationsprobleme.

Bewegung und Körperhaltung: Training am Motomed ist eine Möglichkeit, die Darmtätigkeit anzuregen. Jede Art von Bewegung tut gut. Auch das Stehen im Stehgerät kann den Stuhlgang fördern. Sitzt man über der Toilette, kann Vor- und Zurückbewegen des Oberkörpers hilfreich sein. Auch eine Bauch-Massage fördert die Darmbewegungen. Beim Stuhlgang sollte man sich eher nach vorn beugen. Denn eigentlich hat sich der Mensch so entwickelt, dass er in der Hocke Stuhlgang hat. So haben das unsere steinzeitlichen Vorfahren gemacht. Das aufrechte Sitzen auf der Toilette ist eine unnatürliche Körperhaltung, die den Stuhlgang erschweren kann, weil der Mastdarm (Rektum) dabei gebogen ist. Das wirkt sich vor allem aus, wenn man keine Kraft zum Drücken hat. Dieser Effekt kann aber auch nützlich sein: Es kann helfen, sich flach hinzulegen, wenn man den Stuhlgang verzögern will – zum Beispiel wenn gerade niemand da ist, der beim Transfer auf die Toilette hilft. Dabei kann eine elektrisch verstellbare Rollstuhl-Rückenlehne hilfreich sein.

Bei Verstopfung ist meistens der Stuhl ziemlich hart. Das verschärft das Problem zusätzlich. Viele Menschen mit spastischer Lähmung nehmen deshalb regelmäßig Macrogol ein. Die Kliniken verabreichen das standardmäßig. Macrogol sorgt für einen weichen Stuhl. Es kann ohne Bedenken über Jahre eingenommen werden. Das Pulver ist in Portionsbeutelchen verpackt und wird mit Wasser angerührt. Die Dosierung hängt vom Bedarf ab. Manche nehmen es täglich. Andere nur zwei bis drei Mal pro Woche. Wenn man zu viel davon einnimmt, kann es passieren, dass es plötzlich ganz dringend wird. Wenn man nicht selbständig aufs Klo kann, kann das unangenehme Folgen haben.
    Produktempfehlung: Macrogol-Pulver zum Anrühren und Trinken. Es gibt verschiedene Hersteller und enorme Preisunterschiede. Besonders preisgünstig ist MACROGOL ratiopharm Balance. 100 Beutelchen kosten in der Internet-Apotheke ca. 34,- Euro.

Völlige Entspannung und ein weicher Stuhl sind wichtige Voraussetzungen für eine erfolgreiche Sitzung. Ein Problem bleibt aber noch: Es fehlt oft die Kraft zum Drücken. Ein lockerer Schließmuskel allein reicht da meistens nicht aus. Zum Auslösen des Stuhlgangs sind ein oder zwei Lecicarbon-Zäpfchen sehr gut geeignet. Sie enthalten keine chemischen Inhaltsstoffe und können problemlos über viele Jahre hinweg verwendet werden. Lecicarbon-Zäpfchen geben im Enddarm Bläschen aus Kohlendioxid ab. Diese dehnen behutsam die Darmwand. Dies löst nach einigen Minuten einen Entleerungs-Reflex aus. Es gibt keine Nebenwirkungen und keinen Gewöhnungs-Effekt.
    100 Lecicarbon-Zäpfchen kosten in der Internet-Apotheke etwa 33,- Euro.

Wenn die milden Lecicarbon-Zäpfchen einmal nicht ausreichen, kann man mit einem etwas stärkeren Mittel nachhelfen: Microlax. Das sind kleine Tuben, die ein Gel enthalten, das in den Darm gespritzt wird. Die Wirkstoffe setzen das im Stuhl gebundene Wasser frei und weichen den Stuhl auf. Normalerweise kommt es innerhalb weniger Minuten zur gewünschten Entleerung. Auch bei Microlax gibt es keine Nebenwirkungen und keinen Gewöhnungs-Effekt. Die Tuben sind allerdings teurer als die Zäpfchen.

Ganz anders ist die Situation bei Stuhlinkontinenz. Hier wird in der Regel eine tägliche, geplante Darmentleerung angestrebt. Eine gute Methode, um das zu erreichen, ist die anale Irrigation. Bei der Irrigation wird mit einem Gerät Wasser in den Darm gepumpt, während man auf der Toilette sitzt. Das kann ohne fremde Hilfe gelingen, wenn man voll bewegliche Arme hat. Durch das Wasser im Darm entsteht ein Dehnungsreiz, der den Stuhlgang auslöst. Diese Sonderform des Einlaufs ist mit einer rektalen Darmspülung vergleichbar. Nach der Irrigation hat man dann für einen Tag Ruhe und man muss normalerweise nicht damit rechnen, dass sich die Inkontinenz unangenehm bemerkbar macht.
    Die Irrigation kann aber auch bei Verstopfung angewendet werden. Info auf www.coloplast.de

Zur Sicherheit kann man zwischen den Irrigationen einen Analtampon einführen. Der sorgt für einen sicheren Verschluss und damit für einen entspannten Tagesablauf.

 

3.12 Sex mit Behinderung

Selbstverständlich haben auch Behinderte ein Recht auf eine selbstbestimmte Sexualität. Das ist kein Schmuddel-Thema. Die Frage ist nur, ob und wie ein behinderter Mensch seine Sexualität ausleben kann.
    Mit der menschlichen Sexualität sind komplexe organische und psychische Vorgänge verbunden. Das Thema lässt sich nicht auf die organischen »technischen« Funktionen reduzieren – erst recht nicht bei Frauen. Bei der weiblichen Sexualität spielen psychische und soziale Aspekte, und auch das Alter, eine noch größere Rolle als bei Männern. Das kann man nicht so ohne weiteres beeinflussen. Beim Mann steht zunächst die Frage nach den körperlichen Funktionen im Vordergrund. Es geht vor allem um die Themen Erektion und Orgasmusfähigkeit.

Eine Behinderung bringt in vielen Fällen den kompletten oder teilweisen Verlust der sexuellen Aktivität mit sich. Das kann körperliche und/oder psychische Ursachen haben. Querschnittgelähmte haben teilweise kein Gefühl mehr in der unteren Körperhälfte. Dennoch können manche von ihnen einen Orgasmus erleben. Männliche Gelähmte haben zum Teil Probleme, eine ausreichende Erektion zu bekommen. Oder, das kann beide Geschlechter betreffen, sie kommen nur noch schwer zum Orgasmus. Spastik kann das Problem verstärken. Oder sie haben einfach keine Lust mehr auf Sex. Oder die Partnerin/der Partner hat keine Lust mehr. Viele Behinderte haben eben nicht mehr die erotische Anziehungskraft vergangener Zeiten. Ohnehin ist die Behinderung für viele Partnerschaften eine enorme psychische Belastung. Da denkt oft keiner mehr an Sex. Vor allem nicht im fortgeschrittenen Alter. Vielen Behinderten fehlt schlicht eine funktionierende Hand, um sich selbst zu stimulieren.

Das Thema Sex mit Behinderung wurde über lange Zeit von der Öffentlichkeit ignoriert. Auch Behinderteneinrichtungen haben das Thema lange totgeschwiegen, oder tun das noch heute. Gerade so, als ob sich Behinderte für ihren völlig normalen Sexualtrieb schämen müssten. Freilich geht es hier um höchst private Dinge, die keinen etwas angehen.
    Wenn man gelähmt im Krankenhaus oder in der Reha liegt, hat man praktisch keine Intimsphäre mehr. Alle Körpervorgänge geschehen mehr oder weniger öffentlich. Sexualität kann dabei natürlich gar keine Rolle spielen. Was sollen die Pfleger(innen) auch anderes machen? Sie können sich lediglich darum kümmern, dass der Urin problemlos abläuft und alles sauber bleibt. Erst seit wenigen Jahren gibt es speziell ausgebildete Sexualbegleiter, die auf sexuelle Bedürfnisse eingehen. Während des Aufenthalts in der Reha ist das freilich noch kaum ein Thema. Allenfalls Menschen mit geistigen Einschränkungen zeigen bei den intimen Berührungen während der Pflege ohne Hemmungen ihre »Gefühle«.
    Längerfristig stellt sich dann heraus, wie stark auch die Sexualfunktion von der körperlichen Behinderung betroffen ist. Jeder Behinderte muss natürlich auch bei diesem Thema das Beste aus der Situation machen. Was bleibt ihm auch anderes übrig?
    Heute wird das Thema in Fachkreisen und in der Öffentlichkeit viel diskutiert. Je nach Art der Beeinträchtigung können die folgenden Informationen hilfreich oder interessant sein:

Wer sich als Behinderter einen einfühlsamen und verständnisvollen Sexualpartner wünscht, der kann eine Sexualbegleitung kontaktieren. Sie wird auch Sexual-Assistenz genannt. Das sind Menschen, die sich auf diese besondere Art der Betreuung von Behinderten spezialisiert haben und ihnen zu einer befriedigenden Sexualität verhelfen können. Manchmal sind das ehemalige Prostituierte. Allerdings ist es Sexualbegleitern wichtig, sich vom Prostitutions-Milieu abzugrenzen. Manche Sexualbegleiter bieten nur Kuscheln und Nähe an. Andere verhelfen einem auch zum Orgasmus. Das muss man eventuell zuvor absprechen. Jüngere Behinderte können mit Sexualbegleitern ihre ersten sexuellen Erfahrungen sammeln. Freilich ist das ein teurer Spaß.
     Umfassende Informationen zu diesem Thema findet man auf der Website des „Instituts zur Selbst-Bestimmung Behinderter“: www.isbbtrebel.de
    Dieses Institut (ISBB) bildet
Sexualbegleiter aus und bietet Erotik-Workshops für Behinderte an. Auf der Website findet man auch eine Liste mit Sexualbegleitern in verschiedenen Regionen.
    Eine bundesweit reisende Sexualbegleitung findet man auf dieser Website: www.trotz-allem-lust.de
    Inzwischen gibt es auch immer mehr barrierefreie Bordelle, bei denen auch Behinderte willkommen sind. Zum Beispiel: www.liberty-berlin.de

Für viele Behinderte ist das Internet das Fenster zur Welt. Ein Fenster auch in die Welt der Sexualität. Inspiration für einsame oder zweisame Stunden findet man beispielsweise auf der Website www.youporn.com. Da kann man sich kostenlos viele Tausend Pornofilme ansehen (streamen) und/oder auf den Computer herunterladen. Ob man so etwas mag oder nicht, kann jeder für sich selbst entscheiden. Youporn gehört zu den weltweit am meisten besuchten Websites. Von üblen Schmuddel-Pornos bis zu hochwertigen Erotikfilmen findet man auf Youporn alles, was Freude macht. Das Angebot ist (angeblich) legal. Das heißt, man verletzt damit keine Urheberrechte, was freilich nicht unumstritten ist. Die Website finanziert sich durch eingeblendete Werbung. Wenn man kein Werbe-Fenster anklickt, holt man sich dabei auch keinen Virus auf den Rechner. Dennoch sollte man nie ohne Anti-Viren-Software im Internet surfen.
    Es gibt (weibliche) Betreuer, die anzweifeln, dass es sinnvoll ist, auch geistig Behinderten den Zugang zu Pornos zu verschaffen. Welche Anmaßung! Natürlich ist das sinnvoll: Es macht Spaß, kostet nichts und öffnet ein Ventil für psychischen und körperlichen Druck. Das Problem für die Betreuer ist, das manche geistig Behinderte bei
sexuellen Handlungen keine Tabus und keine Scham kennen. Das ist aber nur für die Betreuer peinlich.

Wenn es um die Steigerung der sexuellen Lust geht und/oder um eine Verbesserung der Erektion, dann spielt natürlich auch die Psyche eine entscheidende Rolle. Wenn man sich unter Druck setzt, dann wird das oft nichts. Mit einer genießerischen Gelassenheit können oft auch Behinderte lustvolle Momente erleben.
    Gelähmte Frauen haben häufig folgende Probleme: fehlende sexuelle Lust, verminderte oder fehlende Fähigkeit zum Orgasmus und Scheiden-Trockenheit (Lubrikationsmangel).
    Seit Jahren sucht die Pharma-Industrie nach einem wirksamen und unschädlichen Medikament zur Luststeigerung bei Frauen. Bei Frauen ist es eben nicht damit getan, im Genitalbereich für Durchblutung zu sorgen, wie das Viagra bei Männern macht. Weibliche Sexualität findet bekanntermaßen hauptsächlich im Kopf statt. Da spielen auch die äußeren Umstände eine große Rolle. Vor einiger Zeit gab es einen großen Medien-Rummel um »Viagra für die Frau«. Dieses, bislang nur in den USA zugelassene Medikament heißt »Addyl«, mit dem Arzneistoff »Flibanserin«. Flibanserin wirkt auf die Psyche. Es wurde in Deutschland entwickelt, wegen der schweren und häufigen Nebenwirkungen bei uns aber nicht zugelassen. Addyl muss über einen längeren Zeitraum täglich eingenommen werden. Die luststeigernde Wirkung scheint jedoch eher bescheiden zu sein: Eine nennenswerte Verbesserung des Sexualverlangens konnte bislang offensichtlich nicht nachgewiesen werden.
    Es bleiben also doch nur die bewährten »Rezepte« für eine Luststeigerung bei Frauen: völlige Entspannung, eine angenehme Atmosphäre und ein einfühlsamer Partner. Hilfreich ist eine offene Kommunikation zwischen den Partnern über ihre Bedürfnisse und Wünsche.

Aber ein nützliches Mittel gibt es doch: die Maca-Wurzel. Maca ist eine Heilpflanze aus den peruanischen Anden. Sie wird dort seit Tausenden von Jahren erfolgreich in der Medizin verwendet. Das aus der Wurzelknolle hergestellte Pulver kann man als Kapseln einnehmen. Die kann man beispielsweise bei Amazon bestellen. Maca kann bei Frauen und Männern für eine Steigerung der sexuellen Lust und der Orgasmusfähigkeit sorgen. Maca beeinflusst den Hormonhaushalt und steigert zudem die allgemeine Vitalität. Es wird gegen Wechseljahresbeschwerden verwendet und soll auch die Stimmung aufhellen. Die Wirksamkeit wurde in klinischen Studien wissenschaftlich belegt (14). Nebenwirkungen gibt es keine.

28Männer-Themen können sein: Erektions-Störungen (erektile Dysfunktion = ED), fehlende sexuelle Lust, verminderte oder fehlende Fähigkeit zum Orgasmus.
    Eine Erektion ist die Ansammlung von Blut in den Schwellkörpern des Penis. Bei einer Erektion werden vom Gehirn Signale an das Erektionszentrum im Rückenmark gesendet. Vom Erektionszentrum werden Nervenimpulse an den Penis gesendet, die eine Erschlaffung der Schwellkörpermuskulatur auslösen. Es gibt prinzipiell zwei mögliche Arten von Erektionen (15):

• Psychogene Erektionen werden durch psychische Reize ausgelöst: durch optische und akustische Stimulation, Gerüche, Phantasien, Erwartungen und Wünsche. Nervenfasern leiten diese Informationen zum Erektionszentrum im Rückenmark. Dort wird die Erweiterung der Penis-Arterien ausgelöst.
• Reflexogene Erektionen entstehen durch eine direkte Berührung der Genitalien. Die Reize gelangen ins Erektionszentrum im Rückenmark und lösen die Erektion aus.

Außerdem gibt es die sogenannte nächtliche (nocturnale) Erektion. Viele Männer haben nachts und beim Aufwachen eine ungewollte Erektion, ausgelöst durch Vorgänge im Gehirn. Der Grund hierfür ist offensichtlich noch nicht ganz erforscht. Die nocturnale Erektion ist bei neurologisch bedingter Impotenz meist noch möglich.

Bei vielen gelähmten Männern sind noch Nervenbahnen intakt. Oft sind dann zumindest solche Erektionen noch möglich, die in erster Linie durch Berührungsreize ausgelöst werden. Folgende Hilfsmittel können dies unterstützen:

Die einfachste und preiswerteste Erektionshilfe ist ein Penisring. Er bremst den Rückfluss des Bluts aus dem steifen Penis. Es gibt ihn in verschiedenen Ausführungen und Durchmessern zum Beispiel bei Amazon (Ja, bei Amazon gibt es wirklich alles). Dieses Hilfsmittel wirkt zuverlässig und ist einfach anzuwenden. Vorsicht: Ein zu enger Penisring kann zu einer schmerzhaften Erfahrung führen.

Die Einnahme von Sildenafil (Viagra) kann das Entstehen einer Erektion erleichtern. Viagra, besser gesagt dessen Wirkstoff Sildenafil, sorgt für eine Erweiterung der Blutgefäße und für eine leichte Muskelentspannung. Am besten wirkt es in Kombination mit Arginin (siehe nächsten Absatz) und wenn man die Tablette nicht mit vollem Magen einnimmt. Man sollte vor und nach der Einnahme wenig oder keinen Alkohol trinken. Die Wirkung tritt etwa nach einer Stunde ein und kann dann einige Stunden anhalten. Der Penis wird dann aber nicht von selbst steif. Es ist Stimulation nötig.
    Seit der Patentschutz für Sildenafil abgelaufen ist, muss man nicht mehr das extrem teure Original-Viagra kaufen, um den Wirkstoff zu bekommen. Sildenafil ist in Deutschland rezeptpflichtig. Die Tabletten enthalten 25, 50 oder 100 Milligramm Wirkstoff. Es ist preiswerter, wenn man eine halbe 100-mg-Tablette nimmt, anstelle einer ganzen 50-mg-Tablette.
    Produktempfehlung: SILDENAFIL BASICS 100 mg Filmtabletten. 60 Tabletten kosten ca. 73,- Euro (www.medikamente-per-klick.de). Günstiger geht‘s nicht.
    Vorsicht: Im Internet werden allenthalben rezeptfreie Nachahmerprodukte angeboten. Bei denen weiß man aber nie, ob drin ist, was draufsteht. Sicherer ist es, wenn man sich von seinem Hausarzt ein Privatrezept ausstellen lässt. Das muss einem nicht peinlich sein.

Eher langfristig wirkt die natürliche Aminosäure Arginin. Arginin wird vom Körper selbst produziert, aber auch mit der Nahrung aufgenommen – allerdings oft viel zu wenig. Deshalb gehört es zu den notwendigen Vitalstoffen, die Männer und Frauen täglich einnehmen sollten, vor allem zur Vorbeugung gegen Herz-Kreislauf-Krankheiten. Siehe Kapitel 3.13.1. Arginin erweitert in erster Linie die Blutgefäße. Dies schützt nicht nur vor Herzinfarkt und Schlaganfall, sondern soll auch die Durchblutung und die Erektionsfähigkeit des Penis steigern. Arginin wirkt nicht kurzfristig, wie z.B. Sildenafil. Man muss längerfristig einen Arginin-Spiegel aufbauen. Es ist in jeder Apotheke erhältlich. Allerdings ist es dort sehr teuer. Die Firma IronMaxx stellt Arginin für Sportler her. Das ist wesentlich günstiger als ein Apotheken-Produkt. »IronMaxx Arginin Simplex 1200« (260 Kapseln) kostet bei Amazon knapp 30,- Euro. Wem die Kapseln zu groß sind zum Schlucken, der kann sie öffnen und das Pulver ins Trinken mischen.
    Info über Arginin: www.arginin-wirkung.de

29Die beschriebenen, einfach anzuwendenden, Erektionshilfen können ausreichen, wenn die Nervenbahnen zwischen Gehirn und Penis noch aktivierbar sind. Falls die Nervenbahnen geschädigt oder unterbrochen sind, wird das mit Tabletten usw. nicht funktionieren. Das betrifft viele Querschnittgelähmte. Aber das muss noch nicht heißen, dass man das Thema Sex abhaken muss. Man kann versuchen, ob eine Schwellkörper-Auto-Injektions-Therapie (SKAT) eine ausreichende Erektion bringt. Bei dieser Behandlung spritzt man sich einen erektionsauslösenden Wirkstoff (z.B. Alprostadil) direkt in den Penis-Schwellkörper. Ein paar Minuten später ist der Penis »bereit zum Gefecht«. Die Wirkung hält etwa eine Stunde an. Der Gedanke, sich da mit einer Spritze reinzustechen lässt einen vielleicht erschauern. Aber die Anwendung soll einfach und dank der sehr dünnen Nadel fast schmerzfrei sein (16). Wichtig: Die Dosierung muss von einem Facharzt (Urologe) festgelegt werden. Man muss sich evtl. mit Testinjektionen an die richtige Dosis herantasten.
    Eine Alternative zur Spritze sind Harnröhren-Zäpfchen. Die sind jedoch weniger wirksam als die SKAT-Behandlung.

Zur Steigerung der sexuellen Lust und zur Verbesserung der körperlichen Sexualfunktionen können Männer das Hormon Testosteron zuführen. Testosteron sorgt also nicht nur für Muskelwachstum und starke Knochen, wie in Kapitel 3.9 beschrieben. Auch älteren Behinderten, die das Thema Sex bereits abgehakt haben, kann Testosteron neues Leben einhauchen. Allerdings ist das bei Medizinern umstritten. Üblicherweise wird Testosteron als Gel auf die Haut aufgetragen. Das ist einfach und unkompliziert. Testosteron ist in Deutschland verschreibungspflichtig. Von der Krankenkasse wird das normalerweise nicht bezahlt. Der Arzt stellt ein Privatrezept aus. Das kann man dann bei einer (Internet-) Apotheke einlösen. Es gibt verschiedene Testosteron-Produkte. Ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis hat die Marke »Testim« von der Firma Ferring. 90 Tuben mit den Tagesportionen kosten in einer Internet-Apotheke ca. 180,- Euro. Allerdings reicht es meistens aus, wenn man das Testosteron ungefähr drei Mal wöchentlich anwendet. Damit reichen zwei Packungen für über ein Jahr aus.

Die Maca-Wurzel wurde bereits angesprochen als Mittel zur Steigerung der sexuellen Lust bei Frauen und gegen Wechseljahresbeschwerden. Diese Heilpflanze aus den peruanischen Anden wirkt auch bei Männern luststeigernd und verbessert die Orgasmusfähigkeit. Dazu muss man die Kapseln mit dem Wurzel-Pulver längerfristig einnehmen. Maca ist rein pflanzlich und hat keine unerwünschten Nebenwirkungen. Die Wirkung von Maca ist durch Studien belegt (17).
    Arginin und Maca gibt es praktischerweise fertig gemischt in Kapseln zum Einnehmen. Produkt-Beispiel: »L-Arginin plus Maca Extrakt« von Gloryfeel (bestellbar bei Amazon). Alternativ ist Maca auch sortenrein und höher dosiert in Kapseln und als loses Pulver erhältlich.

 

3.13 Überblick: Vitalstoffe zur Nahrungsergänzung

Möglichst viel Bewegung, eine abwechslungsreiche Ernährung, Kohlenhydrate hauptsächlich aus Obst, psychische Ausgeglichenheit – das sind wichtige Voraussetzungen für ein Leben im Rollstuhl ohne zusätzliche Komplikationen und Beschwerden. Das hilft, Übergewicht und Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorzubeugen. Das ist die beste Vorbeugung gegen einen (erneuten) Schlaganfall. Selbstverständlich können diese Maßnahmen auch bei gesunden Menschen für ein langes, beschwerdefreies Leben sorgen. Erst recht, wenn man Alkohol, Nikotin und Zucker als ungenießbare Giftstoffe betrachtet.

30Darüber hinaus unterstützen (nicht nur) bei bewegungseingeschränkten Rollstuhlfahrern täglich eingenommene Vitalstoffe Gesundheit und Wohlbefinden. Diese Nahrungsergänzungsmittel wurden bereits in den vorhergehenden Kapiteln erwähnt und werden nachfolgend übersichtlich aufgelistet:

3.13.1 Dringend benötigte Vitalstoffe

Magnesium ist ein wichtiger Mineralstoff mit muskelentspannenden Eigenschaften. Menschen mit chronischer Spastik sollten diesen Vitalstoff auf jeden Fall einnehmen. Außerdem hilft Magnesium, den Blutdruck zu senken. Ein hoher Magnesiumspiegel kann möglicherweise das Risiko senken, an einem Herzinfarkt zu sterben (18). Er kann zudem etliche Beschwerden mildern wie chronische Müdigkeit, Leistungsschwäche, Schlafstörungen, Migräne, Blutarmut, Diabetes. Nach einem Herzinfarkt erhält man in der Klinik Magnesiuminfusionen (19). Bei Herz-Kreislauf-Krankheiten, Herzrhythmusstörungen und Erkrankungen der Herzkranzgefäße wird hoch dosiertes Magnesium verschrieben. Das Kalzium in Milchprodukten kann nur dann für eine höhere Knochendichte sorgen, wenn genügend Magnesium im Körper ist.
    Magnesium ist also für viele Körperfunktionen unverzichtbar. Grund genug, das vorbeugend zu nehmen. Es kostet wenig und hat bei normaler Dosierung keine unerwünschten Nebenwirkungen. Es gehört deshalb zu den unverzichtbaren Nahrungsergänzungsmitteln. Zu beachten ist, dass Alkohol Magnesium aus dem Körper schwemmt. Je nach Empfindlichkeit und Dosierung kann Magnesium zu weichem Stuhl führen oder sogar Durchfall verursachen (20). Das ist völlig unbedenklich und klingt wieder ab. Eventuell tritt dieser Effekt nur bei Beginn der Einnahme auf. Der weiche Stuhl zeigt an, dass die Aufnahmekapazität für Magnesium im Körper erreicht ist. Viele Menschen mit einem spastisch gelähmten Darm leiden an Verstopfung. Denen kann Magnesium eventuell einen doppelten Nutzen bringen. Das ist schonender als irgendein Abführmittel. In der Praxis ist es jedoch schwierig, damit einen planbaren Mittelweg zu finden, zwischen Verstopfung und Durchfall. Das Magnesium sollte vorzugsweise abends eingenommen werden, damit es nachts gegen Spastik und Krämpfe wirken kann. Außerdem gibt es im Liegen normalerweise keine Probleme mit Durchfall. Magnesium wirkt bei akuter Spastik eher nicht kurzfristig. Vielmehr muss man darauf achten, dass man immer einen ausreichend hohen Magnesiumspiegel im Blut hat. Zu viel eingenommenes Magnesium wird bei intakter Nierenfunktion mit dem Urin ausgeschieden. Eine Überdosierung ist daher normalerweise kaum möglich. Man sollte aber die Mengenangabe auf der Packung befolgen. Produkt-Empfehlung: Warnke Magnesium. 250 Tagesrationen kosten in der Internet-Apotheke ca. 14,- Euro.

Vitamin D ist so wichtig, dass man es regelmäßig einnehmen sollte. Nicht nur Rollstuhlfahrer, sondern die meisten Deutschen leiden angeblich an Vitamin-D-Mangel, vor allem im Winter. Symptome können sein: Antriebslosigkeit, Erschöpfung (»Winterdepression«), Muskelschmerzen und -krämpfe, Lidzucken, Wachstumsschmerzen bei Kindern.
    Vitamin D kann unter anderem Depression (21) und Knochenabbau, bzw. Knochenschwund mildern oder verzögern. Der Abbau von Knochenmasse ist ein Problem, das langfristig alle Rollstuhlfahrer betrifft, da sie ihre Knochen ja kaum noch belasten. Vitamin D hilft also, Osteoporose, zu vermeiden oder zu verzögern. Sogar mit schweren Krankheiten, wie Rheuma, Krebs und Multipler Sklerose wird Vitamin D in Verbindung gebracht. Auch für den Schutz der Blutgefäße wird Vitamin D eingesetzt. Ein hoher Vitamin-D-Spiegel soll das Risiko senken, einen Schlaganfall zu erleiden. Außerdem sinkt die Gefahr von Herzkranzgefäßverkalkung sowie eines Gefäßverschlusses der Beine. Übergreifend soll Vitamin D die allgemeine Immunabwehr stärken.
    Vitamin D wird durch Sonnenlicht gebildet. Aber welcher Rolli-Fahrer kommt schon täglich eine Stunde mit freiem Oberkörper an die Sonne? Außerdem behindert Sonnencreme die Bildung von Vitamin D.
    Es sind keine schädlichen Nebenwirkungen von Vitamin D bekannt. Es hilft nur in hoher Dosierung. Produkte aus dem Regal von Drogeriemärkten sind da ungeeignet. Rezeptfrei erhält man bei Amazon z.B. Vita World Vitamin D3 4000 I.U. 100 Tagesrationen kosten ca. 18,- Euro. Das lohnt sich auf jeden Fall. Die Krankenkasse übernimmt das nur, wenn der Arzt mit einem Bluttest einen Vitamin-D-Mangel nachgewiesen hat.
    Weitere Info zum Thema
Vitamin D: www.vitamindelta.de

Omega-3-Fettsäuren gehören zu den wichtigsten Vitalstoffen, die man unbedingt einnehmen sollte. Diese mehrfach ungesättigten Fettsäuren verhindern Ablagerungen in den Blutgefäßen. Sie hemmen Entzündungsstoffe, die an der Entstehung von Arteriosklerose beteiligt sind. Omega-3 reduziert das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen enorm (22). Es schützt Herz und Hirn, wirkt mild gegen Depressionen (23) und reguliert den Fettstoffwechsel. Damit gehören Omega-3-Kapseln zu den tägliche einzunehmenden Nahrungsergänzungsmitteln. Diese Wirkungen sind durch Studien nachgewiesen und sind seit langem allgemein anerkannt. Deshalb quälten schon früher viele Eltern ihre Kinder mit Lebertran. Omega-3-Fettsäuren sind auch in bestimmten Lebensmitteln enthalten, zum Beispiel in Hering. Die Japaner und Eskimos essen viel Fisch. Da ist Herzinfarkt als Todesursache kaum bekannt. In Deutschland sterben daran jährlich fast 200.000 Menschen.
    Produkt-Empfehlung: Omega 3 Super 1000 mg von Vitabay. Günstiger als in der Apotheke ist der Kauf bei Amazon. Auch auf eBay findet man Versandhändler, die sich auf Nahrungsergänzungsmittel spezialisiert haben.
    Man kann z.B. jeden Morgen nüchtern mehrere Kapseln einnehmen und mit Kaffee runterspülen.

Zur Erhöhung der Protein-Zufuhr sollten Rollstuhlfahrer Eiweiß-Pulver zu sich nehmen. Das machen üblicherweise auch Sportler zur Unterstützung des Muskelaufbaus. Eiweiß hilft nicht nur gegen Muskelschwund, sondern auch gegen Dekubitus und unterstützend bei einer (Low-Carb-) Diät. Man kann z.B. jeden Tag ein paar Löffel Eiweiß-Pulver in den Frühstücks-Früchte-Quark oder in Joghurt mischen. Ein geschmacksneutrales Eiweiß-Pulver guter Qualität ist »Dr.Ritter Bio-Eiweiß-Konzentrat 85«. Info auf www.dr-ritter.de. Besonders preiswert erhält man es beim Internet-Reformhaus www.gesund-sein.de.

Ein wichtiges Nahrungsergänzungsmittel ist Arginin (eigentlich heißt es L-Arginin). Dessen segensreiche Wirkungen kann man gar nicht genug betonen (24). Arginin ist eine natürliche Aminosäure und ist in vielen Lebensmitteln enthalten, z.B. in Walnüssen. Über die Nahrung kann man allerdings nicht genügend Arginin aufnehmen. Deshalb sollte man ergänzend Arginin-Kapseln einnehmen. Arginin sorgt hauptsächlich für eine Erweiterung der Blutgefäße. Diese Gefäßerweiterung kann unter anderem zur Senkung eines erhöhten Blutdrucks führen. Somit ist Arginin ein natürlicher Blutdrucksenker ohne Nebenwirkungen (25). Diese Wirkung wird angeblich verstärkt, wenn man zusätzlich Magnesium und Kalium einnimmt. Man sollte allerdings mit seinem Arzt besprechen, ob das im Einzelfall zur Blutdrucksenkung ausreicht. Außerdem kann Arginin der Bildung von Thrombosen in den Blutgefäßen entgegenwirken. Es dient deshalb auch zur Vorbeugung gegen Schlaganfälle. Da Arginin die Muskeln kräftigen soll, wird es üblicherweise von Sportlern eingenommen. Arginin fördert die Durchblutung und wirkt bei Männern deshalb mild potenzsteigernd. Dieser Effekt ist aber wohl eher bescheiden. Nebenwirkungen sind bei normaler Dosierung nicht bekannt.
    L-Arginin gibt es in jeder Apotheke. Allerdings ist es dort sehr teuer. Die Firma IronMaxx stellt Arginin für Sportler her. Das ist wesentlich günstiger als ein Apotheken-Produkt. »IronMaxx Arginin Simplex 1200
« (260 Kapseln) kostet bei Amazon knapp 30,- Euro. Wem die Kapseln zu groß sind zum Schlucken, der kann sie öffnen und das Pulver ins Trinken mischen. Info über Arginin: www.arginin-wirkung.de
    Wer zusätzlich pulverisierte Maca-Wurzel einnimmt – zur Förderung des Muskelwachstums und/oder der sexuellen Lust, der kann Kapseln kaufen, in denen Arginin und Maca bereits fertig gemischt ist. Produkt-Beispiel: »L-Arginin plus Maca Extrakt« von Gloryfeel (bestellbar bei Amazon). Info zu Maca: siehe Seite 171.

Zur Versorgung mit weiteren Vitaminen und Mineralien kann man täglich eine Kapsel mit einer Vitamin- und Mineralienmischung einnehmen. Damit ist man beispielsweise auch mit den wichtigen Vitalstoffen Folsäure und Selen versorgt.
    Empfehlung: Sanct Bernhard A-Z-Kapseln. Bei Amazon ca. 10,- Euro.

Daraus kann sich folgender Tagesplan ergeben, für die tägliche Versorgung mit Vitalstoffen:

Morgens, vor dem Frühstück:

  • 5 x Omega 3
  • 1-2 x Arginin (evtl. mit Maca)
  • 1 x Vitamin D
  • 1 x A-Z-Kapseln (gemischte Vitamine und Mineralien)
  • Mit dem Frühstück (z.B. in Quark): 3 Esslöffel Eiweißpulver

Mittags:

  • 1-2 x Arginin (evtl. mit Maca)

Vor dem Abendessen:

  • 1-2 x Arginin (evtl. mit Maca)
  • 1 x Magnesium

Wenn der Stuhl zu weich wird, kann man das Magnesium für einen Tag weglassen. Um die Einnahme der verschiedenen Kapseln zu vereinfachen, kann man alle Fläschchen mit den Kapseln in eine Tupperdose o.ä. schütten.
    Die konsequente Einnahme ist eine gute Vorsorge gegen Herzinfarkt und Schlaganfall. Das gilt erst recht für Rollstuhlfahrer, die nur wenig Sport treiben können. Selbstverständlich ist die Einnahme dieser Vitalstoffe kein Ersatz für eine ausgewogene Ernährung.

3.13.2 Vitalstoffe und Medikamente für spezielle Zwecke

In diesem Buch werden einige Gesundheitsprobleme angesprochen, die Behinderte im Rollstuhl betreffen können. Nachfolgend werden die im jeweiligen Kapitel angesprochenen lindernden Vitalstoffe und Medikamente noch einmal übersichtlich dargestellt. Dabei wird unterstellt, dass man die auf den vorhergehenden Seiten angesprochenen Vitalstoffe täglich einnimmt. Sie werden deshalb in Bezug auf nachfolgend angesprochene Gesundheitsprobleme nicht noch einmal dargestellt.
    Medikamente mit chemischen Wirkstoffen helfen bei Gesundheitsproblemen oft nur bedingt. Und fast immer haben sie schädliche Nebenwirkungen. In vielen Fällen ist es klüger, natürliche Vitalstoffe einzunehmen, als Tabletten zu schlucken. Andererseits kann man manchmal auf chemische Medikamente nicht verzichten. Die nachfolgenden Empfehlungen beruhen aus Erfahrungen aus der Praxis. Dies ersetzt natürlich keinesfalls einen Besuch beim Arzt.

Blutdrucksenkung: Den Blutdruck kann man mit Tabletten vom Arzt senken. Das Risiko für Schlaganfall oder Herzinfarkt sinkt dadurch aber möglicherweise nur wenig. Und die Nebenwirkungen können gravierend sein. Eine nachhaltige Blutdrucksenkung mit einem verringerten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen erreicht man durch eine Kombination verschiedener Maßnahmen:

• Möglichst viel Bewegung, am besten Ausdauersport
• Kein Übergewicht
• Kein Stress, keine psychische Anspannung
• Neben Arginin und Magnesium auch das Mineral Kalium einnehmen (26)
• Auf Alkohol und Nikotin weitgehend verzichten

Kaliummangel kann genauso wie Magnesiummangel Herzrhythmusstörungen verursachen und auch das Infarktrisiko erhöhen. Tomaten enthalten besonders viel Kalium. Gegen Bluthochdruck reicht das aber nicht aus. Wenn man täglich zwei Gramm Kalium aus der Apotheke einnimmt, dann kann das den Blutdruck in vielen Fällen senken – ganz ohne Nebenwirkungen. Das muss aber natürlich ärztlich begleitet und kontrolliert werden.

Herzprobleme: Die Maßnahmen gegen Bluthochdruck helfen im Endeffekt auch, Herzprobleme zu vermeiden. Zusätzlich soll Folsäure helfen, Herzinfarkt und Schlaganfall zu verhindern. Allerdings belegen entsprechende Studien nicht eindeutig, dass eine vorbeugende Einnahme das Krankheits-Risiko nachhaltig senkt (27). Die Herzgesundheit scheint außerdem in besonderem Maße vom Zustand der Psyche abzuhängen.

Viele ältere Menschen nehmen täglich Aspirin zur Blutverdünnung, um damit Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorzubeugen. Der Wirkstoff von Aspirin ist die Acetylsalicylsäure (ASS). ASS hemmt auch die Bildung von einigen Entzündungs-stoffen, die unter anderem Arteriosklerose fördern. Studien deuten darauf hin, dass ASS langfristig hilft, die Sterblichkeit von Schlaganfall-Patienten zu verringern (28). ASS-Herztabletten (Thrombozytenaggregationshemmer) enthalten 100 mg dieses Wirkstoffs. ASS-Schmerztabletten enthalten dagegen meistens die fünffache Wirkstoff-Menge. Die Schmerztabletten dürfen nicht über einen längeren Zeitraum eingenommen werden.
    Allerdings scheint es so zu sein, dass ASS-100 bei vielen Menschen nicht so richtig wirkt – Blutgerinnsel also möglicherweise nicht effektiv verhindert werden. Auch kann ein Gewöhnungs-Effekt eintreten, der die Wirkung mit der Zeit abschwächt. Die Alternative oder Ergänzung zu ASS: Wer täglich die Vitalstoffe
Omega-3 und Arginin einnimmt, sorgt auf natürliche Weise für weite und elastische Blutgefäße und hemmt schädliche Entzündungsstoffe im Blut. Siehe Vitalstoff-Tagesplan in Kapitel 3.13.1. Wenn der Arzt ASS-100 verordnet hat, sollte man es aber nicht ohne Rücksprache absetzen. Das gilt erst recht, wenn der Arzt stärkere Medikamente zur Blutverdünnung verordnet hat (z.B. Marcomar).

Depressionen: Besonders Schlaganfall-Patienten sind häufig von Depressionen und Stimmungsschwankungen betroffen (Post-Stroke-Depression, PSD)(29). Symptome sind häufig eine erhöhte Schreckhaftigkeit und/oder starke Reaktionen auf emotionale Situationen (Affektlabilität). Neben Vitamin D und Omega-3 ist die Aminosäure Tryptophan (30) der dritte natürliche Vitalstoff gegen neurologische Depressionen, aber auch gegen Depressionen mit anderen Ursachen. Man sollte die Kapseln mit diesen Vitalstoffen alle gleichzeitig einnehmen. Der Körper bildet mit Hilfe von Tryptophan das stimmungsaufhellende »Glückshormon« Serotonin. Es wirkt also ähnlich wie die häufig verordneten Antidepressiva aus der SSRI-Medikamentengruppe (z.B. Cipralex), nur milder und ohne schädliche Chemie. Allerdings soll der Botenstoff Serotonin Spastiken verursachen bzw. verstärken (31). Weitere Wirkungen von Serotonin: Dieses Hormon fördert die Darmtätigkeit und hemmt die Sexualfunktionen (32). Mehr zum Thema Depression in Kapitel 3.3.
    Außerdem wird Tryptophan gegen Schlafstörungen
eingenommen. Diese bewährte Einschlafhilfe sorgt ohne Nebenwirkungen für innere Ruhe. Tryptophan beeinflusst auch die Bildung des Hormons Melatonin, das den Tiefschlaf fördert. Deshalb sollte man es generell nur vor dem Schlafengehen einnehmen.
    Menschen mit Übergewicht, aber auch mit chronische Entzündungen (z.B. Rheuma) werden häufig von Stimmungsschwankungen geplagt. Beispiel: die berühmten Fress-Attacken. Das sind meistens noch keine Depressionen. Das ist auch nicht immer nur psychisch bedingt, sondern kann auf einen Mangel an körpereigenem Tryptophan hinweisen.
Schließlich wird Tryptophan auch eingenommen zur Milderung von Ängsten jeder Art. Gegen Panikatacken
nimmt man es für ein paar Wochen in höherer Dosierung ein.
    Tryptophan-Kapseln gibt es in der Apotheke, aber auch bei Amazon.

Stärkung der männlichen Sexualfunktion: Das Thema „Sex mit Behinderung“ wurde in Kapitel 3.12 besprochen. In der folgenden Übersicht werden lediglich die Mittel zur Aktivierung der Sexualfunktion noch einmal übersichtlich aufgelistet:

Das Hormon Testosteron sorgt nicht nur für Muskelwachstum und starke Knochen. Es ist auch ein Mittel zur Steigerung der sexuellen Lust und zur Verbesserung der körperlichen Sexualfunktionen bei Männern. Üblicherweise wird Testosteron als Gel auf die Haut aufgetragen. Das ist einfach und unkompliziert. Testosteron ist in Deutschland verschreibungspflichtig. Es wird normalerweise nur verordnet, wenn ein Testosteronmangel nachgewiesen ist. Ein guter Arzt wird aber die Nöte eines Rollstuhlfahrers verstehen und das Hormon ohne lange Diskussionen verschreiben. Von der Krankenkasse wird das normalerweise nicht bezahlt. Der Arzt stellt ein Privatrezept aus. Das kann man dann bei einer (Internet-) Apotheke einlösen.
Es gibt verschiedene Testosteron-Produkte. Ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis hat die Marke Testim von der Firma Ferring. 90 Tuben mit den Tagesportionen kosten in einer Internet-Apotheke ca. 180,- Euro. Allerdings reicht es meistens aus, wenn man das Testosteron ungefähr drei Mal wöchentlich anwendet. Damit reichen zwei Packungen für über ein Jahr aus.

Arginin gehört zu den notwendigen Vitalstoffen, die Männer und Frauen unbedingt täglich einnehmen sollte. Siehe Kapitel 3.13.1. Weil es so wichtig ist, wird es an dieser Stelle noch einmal aufgeführt. Arginin erweitert vor allem die Blutgefäße. Dies schützt nicht nur vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen, sondern soll auch die Erektionsfähigkeit des Penis steigern. Arginin erhält man in jeder Apotheke. Allerdings ist es dort sehr teuer. Die Firma IronMaxx stellt Arginin für Sportler her. Das ist wesentlich günstiger als ein Apotheken-Produkt. „IronMaxx Arginin Simplex 1200“ (260 Kapseln) kostet bei Amazon knapp 30,- Euro. Wem die Kapseln zu groß sind zum Schlucken, der kann sie öffnen und das Pulver ins Trinken mischen.

Maca ist eine Heilpflanze aus den peruanischen Anden. Sie wird dort seit Tausenden von Jahren erfolgreich in der Medizin verwendet. Das aus der Wurzelknolle hergestellte Pulver kann man als Kapseln einnehmen. Es sorgt für eine sanfte Steigerung der sexuellen Lust und der Orgasmusfähigkeit bei Frauen und Männern. Maca beeinflusst den Hormonhaushalt und kann zudem die allgemeine Vitalität steigern. Maca wird bei Frauen auch gegen Wechseljahresbeschwerden verwendet.
    Die Kapseln mit dem Wurzel-Pulver muss man längerfristig einnehmen, um einen Effekt zu erzielen. Maca ist rein pflanzlich und hat keine unerwünschten Nebenwirkungen. Die Wirkungen wurden in klinischen Studien wissenschaftlich belegt (33). Arginin und Maca gibt es praktischerweise fertig gemischt in Kapseln. Zum Beispiel: »L-Arginin plus Maca Extrakt« von Gloryfeel (bestellbar bei Amazon). Alternativ ist Maca auch sortenrein in Kapseln und als loses Pulver erhältlich.

Testosteron, Arginin und Maca wirken eher längerfristig auf die Sexualfunktionen. Sildenafil (Der Wirkstoff von Viagra) kann Männern dagegen innerhalb einer Stunde zu einer verstärkten Erektion verhelfen. Viagra, besser gesagt dessen Wirkstoff Sildenafil, sorgt für eine Erweiterung der Blutgefäße und für eine leichte Muskelentspannung. Am besten wirkt es in Kombination mit Arginin. Seit der Patentschutz für Sildenafil ausgelaufen ist, muss man nicht mehr das extrem teure Original-Viagra kaufen, um den Wirkstoff zu bekommen. Sildenafil ist rezeptpflichtig. Die Tabletten enthalten 25, 50 oder 100 Milligramm Wirkstoff. Es ist billiger, wenn man eine halbe 100-mg-Tablette nimmt, anstelle einer ganzen 50-mg-Tablette.
    Produktempfehlung: SILDENAFIL BASICS 100 mg Filmtabletten. 60 Tabletten kosten ca. 73,- Euro (www.medikamente-per-klick.de). Günstiger geht‘s nicht.

Häufig sind Rollstuhlfahrer von Muskelschwund betroffen. Wie in Kapitel 3.9 besprochen, kann man den Muskelaufbau unterstützen, mit Arginin, Testosteron und Eiweiß-Pulver – und natürlich mit viel Bewegung. Es sind also immer wieder dieselben Vitalstoffe, mit denen sich allerlei Nöte lindern lassen.

Dekubitus kann für Rollstuhlfahrer zum großen Problem werden. Siehe Kapitel 1.2.5. Zur Vorsorge ist, neben viel Bewegung, eine proteinreiche Ernährung wichtig. Das ist ein zusätzlicher Grund dafür, die tägliche Nahrung mit Eiweiß-Pulver anzureichern.

Auch Verstopfung ist ein großes Alltagsproblem für viele Rollstuhlfahrer mit spastischen Lähmungen. Siehe Kapitel 3.11. Es gibt zwei Hilfsmittel, die das Problem entschärfen können: Macrogol sorgt für einen weichen Stuhl und Lecicarbon-Zäpfchen können den Stuhlgang dann auslösen.
    Produktempfehlung: Macrogol-Pulver zum Anrühren und Trinken. Es gibt verschiedene Hersteller und enorme Preisunterschiede. Besonders preisgünstig ist MACROGOL ratiopharm Balance. 100 Beutelchen kosten in der Internet-Apotheke ca. 34,- Euro.
    Lecicarbon: 100 Zäpfchen kosten etwa 33,- Euro. Lecicarbon-Zäpfchen können innerhalb von Minuten Stuhlgang auslösen. Sie enthalten keine chemischen Inhaltsstoffe und können problemlos über viele Jahre hinweg verwendet werden.

 

3.14 Kleidung für Rollstuhlfahrer

Rollifahrer verbringen ihre Tage vorwiegend in sitzender Haltung. Da gibt es besonders an Hosen spezielle Anforderungen:

• Höherer Bund hinten, damit an den Nieren alles zu ist.
• Ein niedriger Bund vorne verhindert ein Drücken im Bauchbereich.
• Flache Nähte, die am Po keine Druckstellen verursachen könnten.
• Ein weit zu öffnender Reißverschluss, damit man im Sitzen leichter pinkeln kann. Unterhosen bei Bedarf mit einem großen Eingriff.
• Eventuell Taschen auf den Schenkeln, um darin kleine Dinge unterzubringen bzw. zu transportieren.

Für bettlägerige Patienten gibt es spezielle Pflegehosen. Sie sind besonders geeignet für das Wechseln von Verbänden, Stoma- und Beinbeuteln sowie Inkontinenzvorlagen – ohne dass die Pflegehose dafür extra ausgezogen werden müsste.

Auf der Vorderseite geschlossene Jacken zum Reinschlüpfen sind praktisch für Behinderte, die sich nicht selbst ankleiden können. Außerdem brauchen Rollifahrer oft besondere Accessoires, wie Fußsäcke, Regencapes oder Rolli-Handschuhe.

Neben dem Erfüllen der funktionalen Anforderungen soll die Kleidung in Mode und Stil die Persönlichkeit des Trägers unterstreichen. Denn gut aussehende Kleidung macht Freude und stärkt das Selbstwertgefühl. Das gilt auch und erst recht für Rollifahrer.

Es gibt verschiedene Anbieter, bzw. Online-Shops für solche Kleidung. Beispiele:

  • www.rollimoden.de
  • www.rolling-pants.com
  • www.schuermann-rehamode.de
  • www.rollitex.de
  • www.renato.de
  • www.rollingelephants.com

Jeder Anbieter hat seinen eigenen Sortiments-Schwerpunkt. Am besten, man stöbert in Ruhe durch alle Shops. Wichtig ist, dass man vor der Bestellung genau Maß nimmt. Hosen fürs Sitzen sollten am Bund eher etwas weiter sein. Rolli-Kleidung ist teurer als normale Standard-Ware. Aber gerade bei Hosen ist das Geld gut angelegt. Die trägt man ja jahrelang.
    Die Kosten für Kleidung werden von der gesetzlichen Krankenkasse normalerweise nicht erstattet.

 

3.15 Mit Behinderung im Auto unterwegs

31Mobilität ist ein Grundbedürfnis. Man merkt das erst richtig, wenn man nicht mehr mobil ist. Die Fortbewegung mit dem Rollstuhl ist ein guter Anfang, wenn man nicht mehr gehen kann. Für einen größeren Aktionsradius braucht man aber natürlich ein Auto. Wer nicht mehr auf einen Autositz steigen kann, der muss eventuell sein vorhandenes oder zukünftiges Auto an die Behinderung anpassen. Je nach Art und Grad der Behinderung können Autos mit den unterschiedlichsten Systemen und Komponenten um- und ausgebaut werden. Vor der Wahl eines bestimmten Systems muss man grundsätzlich entscheiden, ob man den Wagen selbst steuern kann und will (Aktivfahrzeug), oder ob man transportiert werden möchte (Passivfahrzeug). Weiter muss man entscheiden, ob man dabei jeweils im Rollstuhl sitzen bleibt, oder ob ein Transfer auf einen (eventuell umgebauten) Fahrzeugsitz möglich ist.
    Für Aktivfahrzeuge gibt es eine Vielzahl von möglichen Einstiegshilfen, Fahrhilfen und Rollstuhlverladehilfen. Beispielsweise können Behinderte mit ihrem E-Rollstuhl über eine Rampe ins Auto fahren, bis nach vorn zum leergeräumten Fahrerplatz. Der Wagen wird, im Rollstuhl sitzend, per Joystick bedient. Das ist eine ähnliche Steuerung wie beim E-Rolli. Das kann man möglicherweise auch, wenn man nur über geringe Restkräfte verfügt. Die Heckklappe des Autos und die Rollstuhl-Auffahrrampe funktionieren dabei selbsttätig per Fernsteuerung. Man braucht also keine Hilfskraft, um das Auto startklar zu machen. Das ist ein großes Stück wieder gewonnener Selbständigkeit. Für weniger stark Betroffene gibt es viele verschiedene Hilfs- und Bediengeräte, die man für jeden Einzelfall individuell konfigurieren und anpassen kann und muss.
    Wenn man den Wagen nicht selbst steuern will oder kann, benötigt man eventuell eine Einstiegshilfe, Trittstufe, Auffahrrampe und/oder ein Rollstuhlhaltesystem. Beispiel: Für den erleichterten Transfer auf den Beifahrersitz gibt es Drehsitze, die den normalen Beifahrersitz ersetzen.
    Information, Verkauf und Service:  www.paravan.de
und www.mobi-tec.de

In einigen Fällen organisieren, bzw. vermitteln auch die normalen Autohäuser den Um- oder Ausbau, wenn man dort einen Wagen kauft. Bei einigen Automarken (z.B. VW und Ford) erhalten Behinderte einen Werks-Rabatt beim Kauf eines Neuwagens. Für den behindertengerechten Fahrzeug-Umbau gibt es aber normalerweise keine Finanzhilfen. Die üblichen Kostenträger sehen Mobilität außerhalb des Umfelds der eigenen Wohnung als Privatvergnügen an. Immerhin kann man die Kosten in der Steuererklärung als außergewöhnliche Belastung angeben und somit von der Steuer absetzen. Siehe Kapitel 3.18. Wegen der Finanzierung des Fahrzeugs kann man mit der Hausbank verhandeln. Eventuell erhält man ein zinsgünstiges Behinderten-Darlehen. Auch beim Autokauf werden Finanzierungen angeboten.

 

3.16 Urlaub im Rollstuhl

Irgendwann hat man sich als Behinderter organisatorisch und mental auf seine Lebenssituation eingestellt. Die Behinderung, mit ihren gravierenden Folgen, wird immer mehr zur Routine. Es herrscht Alltag. Und der ist manchmal geprägt von zermürbender Langeweile, besonders wenn man nicht mehr arbeitet. Spätestens dann wird es Zeit, neue Höhepunkte zu erleben. Auch sind Rollifahrer häufig psychisch angeschlagen, angespannt, grüblerisch und kämpfen innerlich noch immer um die Bewältigung ihrer Behinderung. Tagesausflüge, Städtereisen und richtiger Urlaub sind perfekte Aktivitäten, die (nicht nur) einem Behinderten neue Impulse und Lebensfreude geben können. Man sollte sich unbedingt aufraffen und möglichst viel erleben und unternehmen – auch wenn das nicht mehr so ist wie in Zeiten guter Gesundheit. Man muss eben das Beste machen aus seinen Möglichkeiten.

32Während manche Rollifahrer ihre Lethargie überwinden müssen, um zu reisen, gibt es für andere nur ein Limit: die Kosten. Die können schnell in die Höhe schießen, vor allem dann, wenn man als Alleinstehender eine bezahlte Reise-Begleitung benötigt. Diese wird auch Reise- oder Freizeitassistenz genannt. Wer Sozialhilfe (Hartz IV) erhält, dem bezahlt eventuell das Sozialamt eine Freizeitassistenz – häufig als Bestandteil eines Persönlichen Budgets (siehe auch Kapitel 3.7).
    Behinderte mit einem Pflegegrad, die üblicherweise Pflegegeld oder Kombinationsleistungen (Sachleistung + Pflegegeld) beziehen, können sich die Kosten für eine Reiseassistenz eventuell über das Budget der Verhinderungspflege erstatten lassen. Zumindest teilweise. Die Verhinderungs- oder Ersatzpflege springt ein, wenn die normale (private) Pflegekraft verhindert ist. Das ist auch der Fall, wenn der Pflegebedürftige selbst im Urlaub ist. Die Regelungen können aber je nach Pflegekasse unterschiedlich sein, bzw. unterschiedlich streng gehandhabt werden. Zur Bezahlung einer Ersatz-Pflegeperson stehen jedem Pflegebedürftigen jährlich 1.612,- Euro zu. (Pflegegrade 2 - 5). Dieser Betrag kann sich auf 2.418,- Euro erhöhen, wenn man im jeweiligen Jahr keine stationäre Kurzzeitpflege in Anspruch nimmt (siehe Kapitel 3.6). Das laufende Pflegegeld wird dabei während des Urlaubs nicht gekürzt, wenn man genau dokumentiert, dass die Zeiten der geleisteten Ersatzpflege pro (Urlaubs-) Tag acht Stunden nicht übersteigen (»stundenweise Ersatzpflege«).
    Wer keine Reiseassistenz kennt, der wird möglicherweise im Internet fündig: www.assistenzboerse.de und www.assistenzjobonline.de.

Viele Behinderte benötigen keine bezahlte Reiseassistenz, weil sie mit dem Partner und/oder Freunden verreisen. Wer jedoch Pflege benötigt, z.B. fürs morgendliche Waschen und Aufstehen, der kann eventuell am Urlaubsort einen örtlichen Pflegedienst beauftragen. So bleiben mitreisende Angehörige von diesen Aufgaben verschont und sie können ihren Urlaub genießen. Auch diese Ersatzpflege kann normalerweise über die Verhinderungspflege finanziert werden. Das geht auch, wenn die normale Pflegekraft (z.B. die Ehefrau) im Urlaub mit dabei ist. Denn die hat ja auch Urlaub und ist deshalb »verhindert«. Man sollte sich das aber vorab von der Pflegekasse bestätigen lassen.
Aber nicht nur die Leistungen professioneller Pflegedienste können über die Verhinderungspflege erstattet werden. Im Prinzip kann jeder beliebige Reisebegleiter die Ersatzpflege übernehmen. Das vereinbarte Honorar kann man sich dann hinterher als Verhinderungspflege erstatten lassen. Man muss natürlich entsprechende Belege, bzw. ausgefüllte Formulare, vorlegen.
—Voraussetzungen für eine volle Kostenerstattung der Verhinderungspflege: Die Ersatz-Pflegekraft ist mit dem Pflegebedürftigen nicht verwandt oder verschwägert und die Ersatzpflege am Urlaubsort dauert weniger als acht Stunden pro Tag. Eine private Ersatz-Pflegekraft sollte man vorübergehend als Minijobber anmelden – sonst ist das Schwarzarbeit.
    Beratung und die entsprechenden Antragsformulare gibt es bei der jeweils zuständigen Pflegekasse.

Beispiele für örtliche Pflegedienste, die auch Urlauber betreuen:

  • www.zlatneruke.hr (Pula, Kroatien)
  • www.lero.net (Los Christianos, Teneriffa)
  • www.binschonda.de (Berlin-Karlshorst)

Die allermeisten Pflegebedürftigen nehmen das Geld für die Verhinderungspflege gar nicht in Anspruch. Sie verschenken einfach so 2.418,- Euro. Das ist viel Geld, das man sich mit ein bisschen Papierkrieg holen kann.

Das Angebot an Reisen für Behinderte ist vielfältig und unüberschaubar. Man kann sich die mühsame Suche nach einer barrierefreien Unterkunft ersparen, wenn man das einem Reisebüro überlässt, das sich auf Reisen für Behinderte spezialisiert hat. Das Reisebüro kümmert sich auch um Dinge wie den Transport des Rollstuhls, den Transfer zwischen Flughafen und Hotel, die Organisation der Pflege am Urlaubsort, das Ausleihen von Hilfsmitteln usw.

Beispiele für solche Reisebüros:

  • www.runa-reisen.de
  • www.yat-reisen.de
  • www.handicap-mallorca.com
  • www.rollstuhlundbehindertenurlaub.de
  • www.marysol.de (spezialisiert auf das Behinderten-Hotel Mar y Sol auf Teneriffa)

Aber auch viele normale Reisebüros organisieren Reisen für Behinderte. Diese sollte man aber nicht übers Internet buchen. Denn bei Internet-Angeboten für Nicht-Behinderte sind spezielle Dienstleistungen normalerweise nicht buchbar.

Beispiele für Behinderten-Urlaube:

Städtereise nach Berlin: Das Hotel Mit-Mensch in Berlin-Karlshorst ist speziell für die Bedürfnisse behinderter Menschen eingerichtet. Es liegt nur 15 S-Bahn-Minuten vom Alexanderplatz entfernt und ist die perfekte Basisstation für einen Berlin-Besuch. Ein Pflegedienst kann gebucht werden.
    Info und Buchung: www.mit-mensch.com

33Kreuzfahrt: Die meisten Kreuzfahrt-Schiffe sind mit einigen barrierefreien Kabinen ausgestattet. Die sind größer und haben eine befahrbare Dusche. Bei Costa-Kreuzfahrten kann man auch einen Dusch-Toilettenstuhl ausleihen. Aber einen Pflegedienst gibt es auf einem Schiff natürlich nicht. Rollstuhl-Fahrer kommen auf einem Kreuzfahrt-Schiff sehr gut zurecht. Man sollte die Kreuzfahrt nicht im Internet, sondern in einem Reisebüro buchen, wenn man eine barrierefreie Kabine benötigt.
    Info: www.costakreuzfahrten.de

Das Hotel Mar y Sol in Teneriffa: Der Ort Los Christianos im Südwesten der Kanaren-Insel Teneriffa hat ein perfektes Klima. Es herrschen ganzjährig milde Temperaturen und der Ort liegt windgeschützt zwischen kleineren Bergen und dem Meer. Außerdem gibt es einen für Rollstuhl-Fahrer zugänglichen Strandabschnitt mit befahrbaren Holzplanken. Die ca. 10 km lange Strandpromenade ist komplett barrierefrei befahrbar. Dort herrscht reges Leben. Wohl kein weiterer europäischer Urlaubsort hat sich derart konsequent auf Behinderte eingestellt. Der Ort ist zudem eine gute Basis für Ausflüge, z.B. zum nahe gelegenen Vulkan Teide, und für Bootstouren zur Wal-Beobachtung.
    Der Flughafen Teneriffa-Süd liegt nur 15 Kilometer entfernt. Dort kümmert sich ein spezieller Dienst ganz wunderbar um behinderte Flugreisende. Starke Jungs setzen auch völlig gelähmte Rollstuhlfahrer zuverlässig in den Flugzeugsitz.
34    Das Hotel Mar y Sol hat sich spezialisiert auf Gäste mit besonderen Bedürfnissen. Angeschlossen ist ein Pflegedienst mit Hilfsmittel-Verleih und Fahrdienst (www.lero.net) sowie eine Praxis für Krankengymnastik, bzw. für medizinisch-therapeutischen Anwendungen (www.teralava.org). Die Kosten für Pflege und Therapie werden normalerweise von der deutschen Krankenkasse erstattet, denn Teneriffa gehört zu Spanien und damit zur EU. Fast alle Ansprechpartner sind deutschsprachig. Das Meer ist nur wenige Hundert Meter vom Hotel entfernt, aber es sind in der Hotelanlage zwei Pools vorhanden. Ein Bademeister hievt mit einem Lifter auch völlig gelähmte Rollifahrer ins Becken. Überhaupt ist das Personal extrem hilfsbereit und zuvorkommend. Der perfekte Service entlastet pflegende Angehörige, so dass diese ebenfalls ihren Urlaub genießen können. Hier fühlen sich auch »auffällig« behinderte Menschen wohl, die sich eventuell in der Öffentlichkeit gehemmt fühlen – besonders auch beim Essen. Trotz der zahlreichen Gäste herrscht eine herzlich-familiäre Atmosphäre. Etliche Gäste verbringen den gesamten Winter oder gar mehrere Jahre im Mar y Sol.

Beratung und Buchung in Deutschland: www.marysol.de

 

3.17 Beschäftigung, Zeitvertreib, Lebensqualität

Mit viel Mühe und Aufwand wird in der Reha versucht, den Körper wieder einigermaßen funktionsfähig zu machen. Anschließend beginnt dann für viele der neue Lebensabschnitt als arbeitsunfähiger Behinderter. Man ist vielleicht allein in einem Pflegeheim und leidet darunter, dass einen plötzlich keiner mehr braucht. Man hat eventuell viel freie Zeit und kommt in der ersten Zeit immer wieder ins Grübeln. Darüber, was man nun mit seiner Zeit anfängt. Auch über die großen Fragen des Lebens. Darüber, welchen Sinn man seinem Leben als Behinderter geben kann. Man fragt sich vielleicht, ob das eigene Ich noch dasselbe ist, nachdem der Körper seinen Dienst versagt hat. Manche Menschen suchen nach Antworten in der Religion, Esoterik oder Philosophie. Andere stellen nüchtern fest, dass es so etwas wie einen Lebenssinn nicht gibt: Wir sind hier, weil unsere Vorfahren Fortpflanzungserfolg hatten. Nicht mehr und nicht weniger. Sie suchen weniger nach einem übergeordneten Lebenssinn, sondern eher nach einer befriedigenden Beschäftigung. Manche überlegen, wie sie vergangenes Leid vergessen können und wie sie den Beginn dieses neuen Lebensabschnitts als echten Neuanfang anpacken können.
    Wie auch immer man diese Fragen für sich beantwortet, man muss sich jeden Morgen aufs Neue überlegen, was man mit dem Tag anfängt. Allzu leicht geraten manche in einen Trott. Sie lassen sich treiben zwischen Fernsehen und Essenszeiten. Haben das Gefühl, dass die Zeit quälend langsam vergeht. Ein Gefühl der Leere macht sich breit. Man empfindet die endlosen Stunden als eine Art Wartezeit. Aber, worauf? Es ist das Leben, das an einem vorbeigleitet! Im Nachhinein stellt man immer kopfschüttelnd fest, dass die Zeit wahnsinnig schnell vergangen ist.
   
Viele Menschen belasten sich zusätzlich, indem sie sich ständig über irgendetwas Sorgen machen: über Alltagsprobleme, übers Geld usw. Dieses ständige Sorgenmachen kann über die Psyche sogar die körperliche Gesundheit beeinträchtigen. Die Umstände, die zur Behinderung geführt haben, waren nicht vorhersehbar. Vorsorge war nicht möglich oder war versäumt worden. Jetzt, da die Behinderung zur unabänderlichen Tatsache geworden ist, richtet sich die Sorge auf das Unvorhersehbare in der weiteren Zukunft. Dahinter steht wohl die »Ursorge« des Menschen: der ungewisse Zeitpunkt des eigenen Todes. Glücklich ist, wer seine Sorgen vergessen kann und wer die Unvorhersehbarkeit der Zukunft gelassen akzeptiert.

Das Grübeln und Sorgenmachen darf nicht überhandnehmen. Dabei hilft es einem, wenn man in ein stabiles soziales Umfeld eingebunden ist und aktiv am Leben teilnimmt. Ob Familie oder Freunde: In Gesellschaft fühlen wir uns wohl. Gemeinsame Unternehmungen machen Spaß und halten ab von negativen Gedanken und Lethargie. Das können auch Alltags-Beschäftigungen sein, wie gemeinsames Einkaufen.

36Allein verbrachte Zeit muss man nicht unbedingt mit Grübeln verbringen oder passiv vor dem Fernseher absitzen. Ein gutes Buch vertreibt nicht nur die Langeweile. Es kann auch neue Erkenntnisse bringen, den Horizont erweitern und die Hirnzellen auf Trab bringen.
    Aber das Allerwichtigste für viele Behinderte: der Computer. Durch soziale Netzwerke, wie zum Beispiel Facebook, kann ein Computer das soziale Umfeld enorm erweitern. Man kann Menschen treffen, die ähnliche Interessen und Probleme haben. Man kann an Foren teilnehmen, die solchen Menschen eine Kommunikations-Plattform bieten. Man kann Chat-Nachrichten austauschen und sich über Video-Telefon (Skype) unterhalten und sich dabei auf dem Bildschirm sehen.
    Darüber hinaus kann man am Computer Büroarbeiten erledigen, Musik hören, Filme anschauen, Briefe und E-Mails schreiben, alte Freunde aufspüren, zu jedem Thema Informationen suchen, Bücher und die Tageszeitung lesen, Erinnerungsfotos anschauen, Bankgeschäfte erledigen und Rechnungen bezahlen, weltweit einkaufen, sich weiterbilden, die Steuererklärung ausfüllen ... Für viele dieser Tätigkeiten genügt sogar ein kleines Smartphone oder ein Tablet-Computer mit WLAN. Dazu muss man kein Computer-Spezialist sein. Diese Geräte kann nach einer kurzen Einführung praktisch jeder bedienen. Deshalb hat manchmal sogar Aldi vernünftige Geräte im Angebot.

Jeder Mensch hat mehr oder weniger das soziale Bedürfnis nach Anerkennung, Wertschätzung und Respekt. Wir alle wollen das Gefühl haben, aus Sicht der uns umgebenden Menschen liebenswert und wertvoll zu sein. Manche behinderte Menschen halten sich selbst für unzulänglich, haben dadurch wenig Selbstvertrauen und ein mangelndes Selbstwertgefühl. Das redet man sich freilich nur ein – es hat normalerweise nichts zu tun mit tatsächlicher Ablehnung oder Geringschätzung durch andere. Diese Minderwertigkeitsgefühle können einhergehen mit Depressionen – besonders bei Schlaganfall-Patienten. Siehe auch Kapitel 3.3. Deshalb tut Behinderten Anerkennung doppelt gut. Andererseits darf man sich nicht von Anerkennung abhängig machen. Sonst steht man immer unter dem Druck, anderen gefallen zu müssen; ständig seinen Wert unter Beweis stellen zu müssen. Menschen mit einem gesunden Selbstwertgefühl achten nicht ständig darauf, was andere über sie denken. Andererseits sind sie aber auch keine einsamen Wölfe, die nicht auf ihre Mitmenschen eingehen.
Im Allgemeinen erhält Anerkennung, wer eine »achtenswerte« Leistung erbringt. Dies kann auf vielfältige Weise geschehen: Ehrenamt im Verein, familiäre oder berufliche Tätigkeit – das Übernehmen irgend einer »sinnvollen« Aufgabe. Dies stärkt das Selbstwertgefühl, kann ein Glücksgefühl hervorrufen und letztendlich zu einer neuen Lebensqualität beitragen. Es geht also um weit mehr als um das Finden eines geeigneten Zeitvertreibs.

 

3.18 Behinderung in der Steuererklärung

Durch eine Behinderung entstehen zwangsläufig finanzielle Belastungen. Der Staat unterstützt Behinderte unter anderem mit Steuererleichterungen (34). Die durch die Behinderung entstehenden Kosten können vom zu versteuernden Einkommen abgezogen werden. Die Steuerlast verringert sich entsprechend. Das Thema Steuern betrifft alle Deutschen, deren gesamtes Einkommen über dem steuerfreien Existenzminimum liegt. Dieses steuerfreie Existenzminimum wird auch Grundfreibetrag genannt. Der Grundfreibetrag stellt sicher, dass das für das Existenzminimum nötige Einkommen nicht durch Steuern gemindert wird. Er liegt 2018 bei 9.000,- Euro im Jahr für Alleinstehende und bei 18.000,- Euro für Verheiratete. Der Betrag bezieht sich auf das gesamte zu versteuernde Einkommen.
    Wenn ein Behinderter Rente erhält, ist er – wie alle Rentner – zur Abgabe einer Steuererklärung verpflichtet. Denn auch Rente ist ein Einkommen und wird seit 2005 bei der Auszahlung besteuert. Ausnahme: Liegt das gesamte Einkommen unter dem steuerfreien Existenzminimum, dann kann man sich eventuell von der Pflicht zur Abgabe der Steuererklärung befreien lassen. Wer trotz höherer Einkünfte keine Steuererklärung abgibt, dem drohen früher oder später Probleme mit dem Finanzamt. Denn in Zeiten digitaler Datenverarbeitung bleiben dem Amt kaum noch Einkünfte verborgen. Im schlimmsten Fall drohen Nachzahlungen und Verzugszinsen für die zurückliegenden Jahre. Aber auch, wenn das Einkommen über dem Grundfreibetrag liegt, heißt das noch lange nicht, dass man tatsächlich Steuern bezahlen muss. Allerdings stiegen 2016 die Renten stärker an als der Grundfreibetrag. Dadurch lag dann bei etlichen Rentnern das Einkommen über dem steuerfreien Existenzminimum und sie müssen erstmals Steuern bezahlen.
    Anders als berufstätige Steuerzahler müssen Rentner ihre Steuerabgaben nicht monatlich bezahlen. Stattdessen geben sie einmal im Jahr ihre Steuererklärung ab und erhalten dann vom Finanzamt einen Steuerbescheid. Ob Rentensteuer nachbezahlt werden muss, hängt ab von der Höhe der Einkünfte, vom Jahr des Rentenbeginns und von der Höhe der Frei- und Pauschbeträge sowie der steuerlich abzugsfähigen Ausgaben. Das gilt genauso für Rentner mit anerkannter Behinderung. Der Lohn aus einem Minijob muss nicht in der Steuererklärung angegeben werden, wenn der Arbeitgeber die pauschale Lohnsteuer schon bezahlt hat.

In der Steuererklärung kann man unter »Außergewöhnliche Belastungen« die tatsächlich durch die Behinderung entstandenen Kosten auflisten. Im Behördendeutsch geht es hierbei um »Aufwendungen für die Hilfe bei den gewöhnlichen und regelmäßig wiederkehrenden Verrichtungen des täglichen Lebens«, bzw. um »behinderungsbedingte Mehraufwendungen«. Diese Kosten muss man im Einzelnen mit Belegen nachweisen. Das Finanzamt erkennt aber nur die Kosten an, die die zumutbare Eigenbelastung übersteigen. Je nach Einkommen und Lebenssituation werden Kosten in Höhe von 1 - 7 Prozent des Einkommens als zumutbar angesehen. Also nur außergewöhnliche Belastungen, die über der Zumutbarkeitsgrenze liegen, verringern das zu versteuernde Einkommen.
    Wem das Sammeln von Belegen zu mühsam ist, oder wer nicht so hohe Kosten hat, der kann stattdessen eventuell den Behinderten-Pauschbetrag geltend machen. Dessen Höhe ist abhängig vom Grad der Behinderung (GdB) und vom Merkzeichen. Derzeit liegt er zwischen 310,- und 3.700,- Euro. Der Pauschbetrag wird ohne Kürzung um die zumutbare Eigenbelastung angesetzt. Bei Arbeitnehmern kann der Pauschbetrag für behinderte Menschen bereits im Lohnsteuerabzugsverfahren geltend gemacht werden.

Man kann also zusätzlich zum Pauschbetrag keine Einzelkosten als außergewöhnliche Belastungen geltend machen. Ausnahme: einmalige, größere Einzel-Ausgaben, wie zum Beispiel einen behindertengerechten Fahrzeugumbau oder erforderliche Umbauten im Haus (»außerordentliche Kosten«).
    Außerdem kann man, je nach GdB, ohne Beleg pauschale Fahrtkosten als außergewöhnliche Belastung angeben. Bei einer Behinderung von mindestens 70 % mit Gehbehinderung (Merkzeichen G) sind das 900,- Euro, bei den Merkzeichen aG, Bl und H sind das sogar 4.500,- Euro.

Pauschbetrag und außergewöhnliche Belastungen sind wesentliche Punkte in der Steuererklärung von Behinderten. Daneben gibt es noch einige Regelungen für besondere Fälle. Deshalb – und weil sich das Steuerrecht laufend ändert – sollte man sich vor Abgabe der Steuererklärung umfassend informieren. Oder man überlässt diese Arbeit einem Steuerberater. Wer seine Steuererklärung selbst am Computer ausfüllen und papierlos übers Internet ans Finanzamt übermitteln möchte, der tut das am besten mit »ElsterFormular«. Das sind die elektronischen Formulare der Steuerverwaltung. Die kann man kostenlos herunterladen auf www.elster.de. ElsterFormular ist immer aktuell und einfach anzuwenden. Es sind praktisch keine Vorkenntnisse erforderlich. Beim Ausfüllen wird man Schritt für Schritt angeleitet. ElsterFormular überprüft vor der Übermittlung der eingegebenen Daten, ob alles richtig ausgefüllt ist (Plausibilitätsprüfung). Außerdem sieht man schon beim Ausfüllen, ob man Steuern nachzahlen muss, oder ob eine Rückerstattung zu erwarten ist.

Eine andere Form der Steuerentlastung betrifft die Kraftfahrzeugsteuer: Behinderte können beim Hauptzollamt beantragen, dass sie von der Kfz-Steuer ganz oder teilweise befreit werden. Das steuerbefreite Fahrzeug muss auf den Behinderten zugelassen sein und darf dann nicht mehr von anderen Personen, beziehungsweise für andere Zwecke benutzt werden.

(1) www.aerzteblatt.de/nachrichten/45677
(2) Paläo (englisch Paleo) = Abkürzung für Paläolithikum = Altsteinzeit
(3) Low = englisch »niedrig«, Carb = Abkürzung für Carbohydrates = engl. »Kohlenhydrate«
(4) www.medicalnewstoday.com/articles/288105.php
(5) WDR-TV-Sendung »Macht  Zucker krank?« vom 08.12.15
(6) www.nahrungsmittel-intoleranz.com
(7) www.emaxhealth.com/1275/multiple-sclerosis-cows-milk-and-dairy
(8)  »Das Anti-Krebs-Kochbuch« von Johannes Coy
(9) www.strunz.com/de/abnehmen/die-neue-diaet.html
(10) www.ugb.de/ernaehrungsplan-praevention/gesund-essen-eine-frage-geldes
(11) Prof. Dr. Helmut Heseker in Brigitte 5/2016
(12) www.osteoporose.org
(13) www.der-querschnitt.de/para-tetraplegie-2/darm
(14)(17)(33) www.uofmhealth.org/health-library/hn-4392007
(15) www.urologielehrbuch.de/penisanatomie_04.html
(16) www.netdoktor.at/therapie/autoinjektionstherapie-8596
(18) www.magnesium-ratgeber.de
(19) www.epistemonikos.org/de/documents/7ba55471e60adc3edbdc862f2b9e2c51ceae5c3f
(20) www.magnesium-ratgeber.de/magnesium-einnahme/magnesium-nebenwirkungen-ueberdosierung/
(21) http://dgk.de/meldungen/pravention-und-anti-aging/vitamin-d-mangel-ist-weit-verbreitet/vitamin-d-und-depressionen.html
(22) www.gesundheit.com/gc_detail_7_vitumin32_7.html
(23) http://vitamine-ratgeber.com/wirken-omega-3-epa-dha-gegen-depressionen/
(24) www.larginin.org
(25) www.zeinpharma.de/bluthochdruck-mit-l-arginin-senken
(26) www.herzstiftung.de/Magnesiummangel-Kaliummangel.html
(27) www.esanum.de/folsaure-gabe-senkt-das-schlaganfallrisiko-bei-bluthochdruck/
(28) http://annonc.oxfordjournals.org/content/26/1/47.full.pdf+html
(29) www.psychosoziale-gesundheit.net/psychiatrie/depression_nach_schlaganfall.html
(30) www.aminosaeure.org/aminosaeuren/l-tryptophan
(31) http://news.ku.dk/all_news/2014/09/new-research-offers-help-for-spinal-cord-patients
(32) https://de.wikipedia.org/wiki/Serotonin
(34) www.steuertipps.de/lexikon/b/behinderte

 

 

 

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